Abseits durch Ball durchlassen?

  • Letzten Sonntag gab es eine knifflige Abseitsposition. Am Ende ging das Spiel 10:2 aus und keiner hat mehr drüber gesprochen, aber zu dem Zeitpunkt stand es noch 2:2.


    Ein Angreifer von Heim steht (unstreitig) im Abseits. Der Pass kommt, ein zweiter Angreifer (unstreitig nicht abseits) startet. Der Ball kommt auf den ersten Angreifer, und der öffnet seine Beine und lässt den Ball durchlaufen zum zweiten, der ansatzlos den Ball im Tor versenkt. Wie gesagt, die Positionen waren klar und unstreitig, die einzige Frage war hier bezüglich des ersten Angreifers: Passiv oder aktiv? Zweikämpfe oder so gab es nicht, das ging alles viel zu schnell für die Verteidiger. Der einzige Ansatzpunkt für die Beantwortung der Frage ist das Durchlaufenlassen des Balls.


    Ich habe Abseits gepfiffen. Wohl mit der (intuitiven) Begründung, dass man den Ball kontrolliert und somit ins Spiel eingreift, wenn man ihn bewusst durch die Beine laufen lässt. Was meint Ihr?

  • Deine Begründung lässt sich nicht mit der Regellage vereinbaren. Sofern hier kein Gegenspieler beeinflusst wird, und das nehme ich nach deiner Beschreibung stark an, ist die Abseitsstellung beim Durchlassen des Balles nicht strafbar.

    In einer Aktion prallten Grevelhörster und Gerick zusammen. Der FC-Stürmer blutete aus der Nase, aber Schiedsrichter Stefan Tendyck aus Gelsenkirchen konnte mit einem Taschentuch aushelfen. Gericks Torriecher wurde nicht in Mitleidenschaft gezogen: Er markierte das 1:3.


    Westfalen-Blatt (29.5.2017) :D

  • So wie du das schilderst, ist es für mich kein Abseits. Der Stürmer geht in keinen Zweikampf und behindert keinen Verteidiger. Da er den Ball nicht berührt ist es kein aktives Eingreifen.


    PS:,Stefan war schneller

  • Vergleich SR-Zeitung 3-2018, Szene 7. Hier wurde der Ball auch durch die Beine gelassen, die Verteidiger standen weit weg und wurde nicht beeinflusst. Aussage des DFB war, dass hier weiterspielen richtig ist. Eine Ballkontrolle liegt mMn auch nicht vor. Er stoppt den Ball ja nicht, sondern lässt ihn einfach durchlaufen. Wenn er zusätzlich noch die Arme hochgenommen hätte, hättest du vermutlich auch nicht mehr an Abseits gedacht.

  • Vergleich SR-Zeitung 3-2018, Szene 7.


    Danke (auch den anderen)! Puh, "lässt sich so auslegen" klingt jetzt nicht so, als habe der Autor das schwarz-weiß gesehen. Aber die besseren Gründe sprechen in der Tat dafür, weiterlaufen zu lassen. Wobei das mit "Gegner hindern, den Ball zu spielen" beim Durch-die-Beine-laufen-lassen in dem Moment zutrifft, wenn halt ein Gegner in Reichweite ist. Wie man das auf Amateurniveau (und in meinem Fall diesmal auch noch ohne SRA) alles auf dem Schirm haben soll...


    Vielleicht muss man die "Grundeinstellung" zur Abseitsregel ändern. Wie handhabt Ihr das? Ist für Euch die Grundeinstellung "Abseits", es sei denn, Ihr seid Euch sicher, dass es passiv war? Oder ist bei Euch die Grundeinstellung "kein Abseits", es sei denn, Ihr seid Euch sicher, dass es aktiv war? Ich als Gewohnheitstier bin immer noch bei der ersten Variante, die früher sicher auch die bessere war.

  • Sicher kann man nie sein- gerade an diesem Bundesliga-Spieltag gab es eine Situation, in der ein Angreifer den Ball (überraschend) durchließ und wo dieses Durchlassen als "Beeinflussung der Möglichkeit des Gegners, den Ball zu spielen" gewertet wurde (also Abseits!).
    Der "Durchlasser" bewegte sich jedoch auch zum Ball und war eng umringt von Verteidigern, so dass die Beeinflussung unstrittig war (obwohl kein Zweikampf, kein Berühren/Spielen des Balles, keine Ballkontrolle).

    Für mich eine der kniffligsten Fragen im Fußball, wann eine Abseitsposition strafbar ist und wann nicht.


    Was die Grundeinstellung angeht: Als Alleinpfeifer konzentriere ich mich zu 95% die Abseitsposition richtig zu erkennen- alles andere ist bereits "Kür". Wobei ich mir das auch einfach mache- ich lasse ersteinmal weiterlaufen und pfeife zur Not nach. Das gibt dann manchmal Diskussionen- aber mittlerweile kann ich damit um.

  • Sagen wir so.
    Die meisten SR hätten so wie du gepfiffen.
    Das liegt einfach daran, dass sie sobald sie eine Abseitsstellung erkennen pfeifen.. zumindest bei uns in der Liga.

    Das geht dann soweit, dass bei einem Freistoß aus dem Halbfeld quasi direkt abseits gepfiffen wird weil irgendein Stürmer ein Stück im Abseits stand im Moment des Freistoßes, völlig egal ob der Spieler dann überhaupt irgendwie aktiv eingreift ins Spiel.


    Meines Erachtens nach ist sie Szene wie du sie beschreibst kein Abseits.
    Den meisten Spielern und Trainer auf dem Platz, kannst du das aber vermutlich problemlos als solches verkaufen ;)

    Bin kein Schiedsrichter, nur ein Spieler Trainer der sich für die Regeln seines Sports interessiert :D

  • Vielleicht muss man die "Grundeinstellung" zur Abseitsregel ändern. Wie handhabt Ihr das? Ist für Euch die Grundeinstellung "Abseits", es sei denn, Ihr seid Euch sicher, dass es passiv war? Oder ist bei Euch die Grundeinstellung "kein Abseits", es sei denn, Ihr seid Euch sicher, dass es aktiv war? Ich als Gewohnheitstier bin immer noch bei der ersten Variante, die früher sicher auch die bessere war.

    Eine sehr interessante Frage. Wenn ich Anwärter ausbilde, schule ich die Regel 11 immer nach folgendem Schema:


    1. Liegt eine Abseitsstellung vor (gegnerische Hälfte UND Ball vom Mitspieler UND näher zur gegnerischen Torlinie als der Ball und der vorletzte Gegenspieler; Ausnahmen beachten)?

    Wenn nein => Weiterspielen

    Wenn ja => Frage 2


    2. Ist die vorliegende Abseitsstellung strafbar (direkter Eingriff ODER Gegnerbeeinflussung ODER aus seiner Position einen Vorteil ziehen)?

    Wenn nein => Weiterspielen

    Wenn ja => ind. Freistoß


    Hört sich zwar etwas algorithmisch an, aber ich bin ja schließlich Informatiker. ;)


    Um deine Frage zu beantworten, ist das wohl Variante 2.

    In einer Aktion prallten Grevelhörster und Gerick zusammen. Der FC-Stürmer blutete aus der Nase, aber Schiedsrichter Stefan Tendyck aus Gelsenkirchen konnte mit einem Taschentuch aushelfen. Gericks Torriecher wurde nicht in Mitleidenschaft gezogen: Er markierte das 1:3.


    Westfalen-Blatt (29.5.2017) :D

  • ..dann sei froh, dass das keine spielentscheidende Szene war! ;)

    Ehrlich gesagt könnte ich mit meiner Entscheidung auch ganz ruhig schlafen, wenn die Szene das Spiel entschieden hätte. Wenn das überhaupt ein Fehler war (und nicht lediglich die schlechtere von zwei vertretbaren Entscheidungen - als solche würde ich sie nach dem Gedankenaustausch hier bezeichnen), dann jedenfalls kein blöder. Und nur solche nagen an mir, wenn sie mir unterlaufen.


    Um deine Frage zu beantworten, ist das wohl Variante 2.

    Ja, ist es wohl. Und die ist nach der neueren Auslegung wohl auch richtig.


    Das heißt, nach den Regeln. An der (schon der alten Zweifelsregel zuwider laufenden) taktischen Erwägung, dass normalerweise ein Abseitspfiff zu viel unauffälliger ist als einer zu wenig, ändert das nichts. Diese Erwägung hat mir zwar noch nie gefallen, richtig ist sie aber.

  • Abseits. Der Spieler greift in dem Augenblick aktiv ins Spiel ein, als er die Beine öffnet und den Ball durchgehen lässt. Er steht im Abseits um den Gegner zu täuschen.

    Die folgende Szene wurde von CONCACAF-FIFA-Lehrwarten gezeigt. Mauer 12 m vor der Torlinie. Ein Stürmer halbwegs zwischen Mauer und Tor. Beim Freistossausführung bleibt Stürmer am selben Ort. Wie soll der SRA reagieren?

    Technisch kein Abseits!

    Aber indirekt nimmt der Stürmer Einfluss auf die Position vom Torwart. SRA soll Abseits anzeigen.

    Anders ist es natürlich, wenn der Stürmer vor der Freistossausführung zurückläuft und sich aus der Abseitsposition begibt.

  • Abseits. Der Spieler greift in dem Augenblick aktiv ins Spiel ein, als er die Beine öffnet und den Ball durchgehen lässt. Er steht im Abseits um den Gegner zu täuschen.

    Laut der Beschreibung ist da aber kein Gegner in unmittelbarer Nähe, der getäuscht wird. Alleine das Ball durchlassen ist nicht strafbar.

  • Er steht im Abseits um den Gegner zu täuschen.

    DieMacke ..das hätte ich früher nach alter Abseitsregel auch gesagt; aber wie dennosius es geschildert hat, ist ebendies genau ein Bsp. für KEIN Abseits!

    --> bin da voll bei Kaef und kann ebenfalls keine strafbare Abseitsstellung durch das bloße Durchlassen des Balles erkennen (anders wäre es natürlich gelagert, wenn der Stürmer im Sichtfeld des gegnerischen Keepers stehen würde bzw. den Abwehrspieler behindert!)

  • kann ebenfalls keine strafbare Abseitsstellung durch das bloße Durchlassen des Balles erkennen

    Frage dich warum er in dieser Position steht? Die Frage und ein Video wurde vor wenigen Tagen als Lehrmaterial gezeigt, wo der Stürmer die Position weit hinter der Mauer einnahm. Der SRA soll abseit anzeigen. Wenn dann ein Mitspieler den Ball gezielt zu den im Abseits stehenden Stürmer passt, der dann mit einer Bewegung den Ball durch seine Beine rollen lässt, so ist ziemlich deutlich das der Stürmer ein Teil der Spielaktion ist. Man kann es mit den "Pick-play" in Basketball vergleichen, was auch abgepfiffen wird.

  • Die Frage und ein Video wurde vor wenigen Tagen als Lehrmaterial gezeigt, wo der Stürmer die Position weit hinter der Mauer einnahm.

    genau, und hier gibt's ja eben KEINE Mauer, weshalb man diese beiden Szenen NICHT 1:1 miteinander vergleichen darf!!

  • Eine schriftliche oder mündliche Beschreibung erzeugt ein Kopfkino. Dieses Kopfkino ist naturgemäß bei jedem anders - selbst wenn die Beschreibung noch so detailliert ist.


    Eine Situation oder ein Bild jemand anderem so zu beschreiben, das in seinem Kopf eine exakte Kopie entsteht ist unmöglich.


    Hier reden gerade zwei sich die Köppe heiss, ohne zu erkennen, das sie jeweils über ihr eigenes Kopfkino sprechen. Es wäre also gut, wenn wir uns mal wieder auf die ursprünglich beschriebene Situation konzentrieren anstatt hier Abwehrmauern und Zweikämpfe in die Situation hineinzudichen:

    Ein Angreifer von Heim steht (unstreitig) im Abseits. Der Pass kommt, ein zweiter Angreifer (unstreitig nicht abseits) startet. Der Ball kommt auf den ersten Angreifer, und der öffnet seine Beine und lässt den Ball durchlaufen zum zweiten, der ansatzlos den Ball im Tor versenkt. Wie gesagt, die Positionen waren klar und unstreitig, die einzige Frage war hier bezüglich des ersten Angreifers: Passiv oder aktiv? Zweikämpfe oder so gab es nicht, das ging alles viel zu schnell für die Verteidiger. Der einzige Ansatzpunkt für die Beantwortung der Frage ist das Durchlaufenlassen des Balls.

    Das Durchlaufen lassen des Balls kann man als demonstratives fernbleiben bewerten. Wie gesagt KANN.


    Das OB wird der Kollege wohl auf dem Feld entscheiden müssen. Eine wirkliche Entscheidungsbeurtielung ist nur möglich, wenn alle die gleiche Szene in ihrem Kopfkino haben. Dafür wäre hier allerdings eine Videosequenz notwendig.

  • Ja, eben. Wie schon gesagt, nach dem Feedback hier und der Lektüre der SR-Zeitung bin ich jetzt auch überzeugt, dass "laufenlassen" die bessere Entscheidung gewesen wäre.


    Was ich indes immer noch für vertretbar halte, ist, das absichtliche Durchlassen des Balls als Eingriff ins Spiel zu werten. Um Ballkontrolle zu haben, muss man den Ball nicht spielen, und es ist ja kein richtiges Wegbleiben. Ob der Spieler letztlich den Ball durchlässt, um ihn nicht zu berühren, oder als taktischen Move, war in der Situation völlig offen (und ob es auf die subjektive Vorstellung des Spielers überhaupt ankommt, auch).


    Wenn schon in der SRZ "knifflig" und "lässt sich so auslegen" steht, dann können wir davon ausgehen, dass es (unabhängig von der Unschärfe meiner Spielszenenbeschreibung) kein klare richtige oder klar falsche Entscheidung gibt. Und das ist ja auch okay so, dafür sind wir Schiedsrichter.


    Sucht man nach Argumenten für die eine oder die andere Entscheidung, findet man welche. Und deswegen habe ich ja oben sinngemäß gefragt, nach welchen Argumenten man denn suchen muss, was also die Grundeinstellung ist.