Ball im Spiel, wenn die nicht einwurfberechtigte Mannschaft einwirft?

  • Guten Morgen zusammen,


    gestern Abend durfte ich bei herrlichstem nasskaltem Wetter ein A-Jugendspiel leiten, welches sich wirklich zu einem sehr schnellen und schönen Spiel entwickelt hatte. Bei dem Spiel kam es zu keinen nennenswerten Vorfällen, lediglich ich hatte zwischenzeitlich für, nennen wir es mal "Verwirrung" gesorgt...


    75. Minute:

    Nach einem Zweikampf überschritt der Ball die Seitenauslinie und war damit aus dem Spiel. Ich sagte laut, neben meinem Handzeichen, zusätzlich die Trikotfarbe (blau) der einwurfberechtigten Mannschaft an. Der Ball wurde ganz klar und ohne Zweifel für alle sichtbar durch einen Spieler (weiß) ins Aus gespielt.


    Eine Zuschauerin und ein Spieler wiesen mich auf einen am Boden liegenden Spieler hinter meinem Rücken hin, dieser lag ca. 25 Meter von mir entfernt und hielt sich mit beiden Händen den Knöchel fest. Da sich noch niemand zum Ball bewegt hatte um den Einwurf auszuführen, pfiff ich und rief "Kurz warten bitte!" und begab mich schnellstmöglich zu dem Spieler. Dieser wurde durch mich angesprochen und er schilderte mir, dass er lediglich, ohne Fremdeinwirkung, umgeknickt sei, keine Behandlung benötige und weiterspielen wird. Ich half ihm hoch.


    Ich begab mich wieder in Position und pfiff zur Fortsetzung des Spiels; zur Erinnerung: Einwurf für "blau".


    Und jetzt kommts... Nicht die von mir angesagte und einwurfberechtigte Mannschaft "blau" warf ein, sondern die gegnerische Mannschaft "weiß". Das geschah mit solch einer Selbstverständlichkeit (kein gegnerischer Spieler ging zum Einwurf oder die Trainer oder Zuschauer protestierten), dass ich es schlichtweg auch nicht bemerkte.


    Ich weiß, dass darf mir nicht passieren - ist es aber. Warum auch immer, ich bemerkte es nicht.


    Wie es kommen musste - so kam es dann auch: Die Mannschaft in weiß erspielte sich aus dem unberechtigt durchgeführten Einwurf einen aussichtsreichen Angriff, der in zwei Spielzügen (!) schließlich auch zum Torerfolg führte.


    Erst jetzt sprachen mich die Abwehrspieler "blau" an und schildern mir, dass ich die unberechtigte Mannschaft habe einwerfen lassen, ich hätte ja schließlich "blau" angesagt und auch in die entsprechende Richtung angezeigt.


    Mein erster, zweiter und dritter Gedanke war "VERFLUCHTE SCH....!!!", aber ich denke das ist nachzuvollziehen... ||


    Ich würde mich selbst als "grundsätzlich Regelfest" bezeichnen, aber ich bin ehrlich, da kam ich an meine Wissensgrenze... Daher habe ich intuitiv entschieden, und zwar wie folgt:

    - Nichtanerkunnug des Tores.

    - Spielfortsetzung durch die einwurfberechtigte Mannschaft am ursprünglichen Spielfortsetzungsort (Einwurf Seitenauslinie).


    Die Begründung meines Gedankenganges hierzu (wie gesagt, alles innerhalb von Sekunden auf dem Platz):

    - Der Ball wurde durch die nicht einwurfberechtigte Mannschaft eingworfen und ist hierdurch nicht regelkonform im Spiel.

    - Da der Ball nicht im Spiel war, konnte ergo auch kein Tor erzielt werden.

    - Der Ball muss aber ordentlich ins Spiel gebracht werden, also Spielfortsetzung "Einwurf durch die blaue Mannschaft".


    Ich sprach mit beiden Spielführern und erläuterte diesen meine Entscheidung. Beide akzeptierten diese ohne Protest.


    Bis zum Abpfiff gab es, analog zu dem vorherigen Spielverlauf, keine nennenswerten Zwischenfälle / Aktionen.


    Jetzt meine Frage an Euch:

    Da ich da im Regelwerk (DFB-Regelheft und auch DFB-Lehrbuch) keine ähnlichen Sachverhalte gefunden habe, wie hättet Ihr entschieden??

    Eventuell hätte ich den nicht berechtigten Einwerfer verwarnen können / müssen (unsportliches Betragen)... ?


    Mir ist das echt unangenehm, in so einer "handlungsunsicheren" Situation war ich nämlich noch nie und das soll mir in Zukunft auch nie wieder passieren.


    Vielen Dank vorab für Eure Antworten! :)

    „Wir haben nicht das Recht, jede Entscheidung des Schiedsrichters zu kommentieren. Der lacht sich ja auch nicht tot, wenn wir einen Fehlpass spielen.“ Ewald Lienen (Ehem. Trainer 1.FC Köln)

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  • Die Entscheidung war doch vollkommen richtig, wo ist das Problem?


    Erstens kannst Du jede Entscheidung bis zur nächsten Spielfortsetzung zurücknehmen.
    Zweitens hat die falsche Mannschaft den Einwurf ausgeführt, ergo ist der Ball, wie Du richtig schreibst, nicht regelkonform ins Spiel gekommen - und damit bleibt als Spielfortsetzung nur die "Wiederholung" des Einwurfes, lediglich eventuelle persönliche Strafen z.B. wegen groben Foulspiels hätten trotzdem Bestand.

    Drittens solltest Du den Einwerfer nur verwarnen, wenn der Verdacht besteht, dass er vorsätzlich gehandelt hat, d.h. Deine Entscheidung bewusst unterlaufen oder das Spiel verzögern wollte.


    Und die Moral von der Geschichte: Murphys Gesetz lässt grüßen.

  • Vielen Dank!


    Ich war mir halt nicht zu 100% sicher, ob der Ball dann im Spiel ist oder nicht. Aber je mehr ich darüber nachdenke und vor allem nach Deiner Antwort, bin ich mir sicher, richtig entschieden zu haben!


    Mit der Verwarnung gebe ich Dir auch recht - ich würde dem Einwerfer in der Situation keine bösen Absichten / Unsportlichkeiten unterstellen wollen. Es hat schließlich keiner von "blau" den Einwurf durchführen wollen (es war wirklich keiner in der Nähe zum Werfen).

    „Wir haben nicht das Recht, jede Entscheidung des Schiedsrichters zu kommentieren. Der lacht sich ja auch nicht tot, wenn wir einen Fehlpass spielen.“ Ewald Lienen (Ehem. Trainer 1.FC Köln)

  • Jo. Manfred hat alles gesagt. Genau so und nicht anders.

    Im Übrigen: Leute, Hand auf's Herz. Wem ist sowas noch nicht passiert? Der Unterschied ist lediglich, dass meistens nix passiert oder wir es schnell merken und zurück pfeifen.

    Ich musste schmunzeln, als ich es gelesen habe.

  • Wenn man alleine ist, kann das schnell passieren. Du hast die Situation noch rechtzeitig bemerkt, auch wenn dadurch die Aussenwirkung nicht optimal war.

    Wie heißt es so schön, wer ohne Fehler ist, werfe den ersten Stein!

  • Zweitens hat die falsche Mannschaft den Einwurf ausgeführt, ergo ist der Ball, wie Du richtig schreibst, nicht regelkonform ins Spiel gekommen - und damit bleibt als Spielfortsetzung nur die "Wiederholung" des Einwurfes,

    Und nun lieber Manfred konfrontiere ich Dich mal mit einer Regelaussage von Dir, die Du mal in bei einem ähnlichem Thema getätigt hast (Fehler SR der zu einer Wiederholung einer Spielfortsetzung führt.)


    Die Spielzeit wird doch dann Nachgespielt oder?


    (Vorsicht :evil:)

  • Begründen kann ich nachspielen (analog verlorene Spielzeit) und nicht nachspielen (gehört zu den spielüblichen Vorgängen) - welche Variante hättest Du denn gerne? Wobei : Sollte sich, warum auch immer, die Sache über einen längeren Zeitraum hinziehen, präferiere ich dann doch "nachspielen".

  • die Sache über einen längeren Zeitraum hinziehen, präferiere ich dann doch "nachspielen".

    Genau das meinte ich.


    Vorsicht, jetzt wird es rein Regel akademisch. Sowas löst man auf dem Feld Pragmatisch - Nur eben nicht im Regeltest.


    Das bedeutet also 'theoretisch' nach 44 Minuten ein Tor aberkennen (selbst das von Blau, weil Vorteilsregel nicht anwendbar), mit einem Einwurf für Blau weiter machen (an den sich -fast- keine Sau mehr erinnert) und 44 Minuten Nachspielen?


    Fühlt sich irgenwie falsch an.

    Aber die Alternative wäre Tor-Anstoß und das fühlt sich genau so falsch an.

  • Das fühlt sich insofern falsch an, weil der Ball in den seltensten Fällen 44 Minuten im Spiel bleibt. Und noch viel seltener landet er in der 45.Minute im Tor statt im Aus oder es gibt einen Freistoß o.ä.. Und noch viel viel viel seltener fällt dem SR nach 44 Minuten hochkonzentrierter Spielleitung ohne jede Unterbrechung ein "Moment, vor 44 Minuten hätte doch Blau einwerfen müssen."


    Aber ja, wenn tatsächlich alle diese Bedingungen erfüllt sind, musst du als SR den Mannschaften erklären, dass du ein Esel bist und es deswegen mit Einwurf Blau weitergehen muss. Und dass zu Hause hoffentlich niemand mit dem Essen wartet, weil es noch satt Nachspielzeit gibt. Der entscheidene Zeitpunkt ist "vor der nächsten Spielfortsetzung". Also musst du nach 44 Minuten genau das tun, was du auch getan hättest, wenn sich Weiß den Ball schnappt und schnell einwirft und du sofort merkst, dass da was falsch ist: Zurückpfeifen und Blau werfen lassen...

  • Zunächst muss klar sein:
    Ab der nächst folgenden Spielfortsetzung ist das Geschichte. Wir haben dann zwar einen Regelverstoß begangen, aber der wird allenfalls in extremen Ausnahmefällen zu einer Neuansetzung führen.


    Sollte es wirklich dazu kommen, dass der Einwurf in der ersten Minute falsch läuft und der Ball danach nicht mehr aus dem Spiel kommen, hätten wir das genannte Problem. Wobei mich das zu einer Zusatzfrage animiert: Wie lang ist denn dabei die maximal mögliche Nachspielzeit? Genau, die muss kleiner als 45 Minuten sein, denn wir müssen Anstoß und Zeit bis zum Einwurf abziehen und danach darf es ja keine Spielunterbrechung mehr gegeben haben, denn sonst hätten wir ja eine neue Spielfortsetzung.


    Zum Schluss ein praktischer Tipp:
    Wie kann man so etwas vermeiden, wenn einem ein solcher Fehler passiert ist? Unterbrechen, wir brauchen dafür keinen Anlass!

  • Noch zu kompliziert: Wenn wir den Fehler bemerkt haben, dürfen oder sogar eher müssen wir sofort unterbrechen und das Spiel korrekt fortsetzen lassen - das ist die Besonderheit, wenn der Ball nicht (regelkonform) ins Spiel gekommen ist.

  • Aber um es noch verständlicher zu machen, ein Beispiel aus längst vergangenen Tagen als die Assistenten noch Linienrichter hießen und die Fahnen noch einen Korkgriff OHNE Knopf hatten.

    Der Ball liegt im Tor. Der SR schaut raus zu seinem LR und sieht?

    Niemanden.

    Der LR ( heute SRA ) steht 40 Meter weiter hinten zur Salzsäule erszarrt und streckt den Lappen gen Himmel.

    Da war für jeden ganz klar, dass das Tor nicht zählt und die Spielfortsezung dort ist, wo der LR die Fahne hochgerissen hat. Aus welchem Grund auch immer.

    Bist du alleine und bemerkst deinen Fehler selbst, ist es genau das gleiche.

  • Eine ähnliche Szene ist am Mo in Bochum passiert. 15 Sekunden nach dem Einwurf pfeift Jöllenbeck plötzlich mitten in einen Angriff und lässt den Einwurf für das andere Team wiederholen. Außenwirkung katastrophal, aber die einzig richtige Entscheidung!

  • Die Außenwirkung wird m.M.n. überbewertet. Wichtig ist, dass am Ende die richtige Entscheidung steht. Und wenn so etwas im einmal passiert, dann regt sich da keiner lang drüber auf.

  • Ich habe das gerstern mal als Regelfrage an den DFB gestellt und gerade vor wenigen Minuten folgende Antwort bekommen, die ich doch sehr bemerkenswert finde:


    Antwort des DFB vom 07.11.2019 schrieb:


    Interessant ist aber eine weitere Anmerkung hierzu:


    Ergänzende Antwort des DFB vom 07.11.2019 schrieb:


    Erklärung von mir: Als "erste Begründung" führte ich in meinem Antwortvorschlägen als Begründung an, daß der Ball nicht korrekt in´s Spiel gebracht wurde, weil die Falsche Mannschaft den Einwurf ausgeführt hat. Hier erläuterte ich als Beispiel, das ja zwischen dem Einwurf und dem Torerfolg durchaus ein längerer Zeitraum -ohne (irgend)eine weiter Spielfortsetzung- liegen kann



    Daraus folgt aber, das die Korrekte Antwort zur Regelfrage die vom Kollegen Frisco gestellt wurde, tatsächlich von der zeitlichen Nähe der Einwurfwiederholung zu dem durch die falsche Mannschaft ausgeführten Einwurf steht:


    Resumee aus der Regelantwort durch den DFB:


    1. Weil der Torerfolg in unmittelbarem Zusammenhang mit der Einwurf Ausführung steht, ist die Entscheidung den Einwurf durch die richtige Mannschaft durchführen lassen korrekt.
    2. Sollte zwischen Einwurf und Torerfolg ein (nicht näher definierter) längerer Zeitraum liegen, ist davon auszugehen das der SR den Einwurf durch die Falsche Mannschaft als "RICHTIG" akzeptiert hat.



    Nachtrag:

    Weil die Brisanz in der Antwort des DFB nicht sofort offensichtlich ist, habe ich das mal anhand einer vereinfachten Matrix als Übersicht zusammengestellt:


  • Wobei ich gespannt darauf wäre, wie ein Sportgericht entschiede, sollte der Sachverhalt dort genau so vorgetragen werden - anders als auf Regelverstoß kann man wohl kaum entscheiden, lediglich die Frage, ob man diesen Regelverstoß ob einer ggf. längeren Dauer seit der falschen Spielfortsetzung noch als "entscheidend" ansähe, könnte diskutiert werden.


    Sorry, aber irgendwie klingt das ein wenig so, als würde eine Straftat (Mord, aber auch Steuerhinterziehung) weniger schlimm, wenn danach nur genügend Zeit ins Land geht. Eine Verjährung tritt da doch erst ein, wenn die Verjährungsfrist (so es eine gibt) abgelaufen ist, im Fußballspiel ist das eben die nächste Spielfortsetzung.

  • Der entscheidende Punkt ist "Spielfortsetzung mit Zustimmung des SR". Ich war am Montag in Bochum im Stadion und fand das schon mehr als grenzwertig. Wenn ich zu viert mit Headset das Spiel leite, dann ist eine derartig lange Verzögerung einfach nicht zu akzeptieren.


    Meiner Meinung nach kann schon nach wenigen Sekunden von einer "Zustimmung des SR" ausgegangen werden und dann ist der Ball halt korrekt ins Spiel gebracht worden. (Durch die falsche Mannschaft, wohl Tatsachenentscheidung.)

    In einer Aktion prallten Grevelhörster und Gerick zusammen. Der FC-Stürmer blutete aus der Nase, aber Schiedsrichter Stefan Tendyck aus Gelsenkirchen konnte mit einem Taschentuch aushelfen. Gericks Torriecher wurde nicht in Mitleidenschaft gezogen: Er markierte das 1:3.


    Westfalen-Blatt (29.5.2017) :D