Eine Regelfrage von 1997 habe ich zu diesem Thema in unserem Regelfragen Archiv gefunden:
Zitat von Regelfrage aus Archiv von 1997In einem Pokalspiel 1997 hatte sich hinter einen Abwehrspieler ein Angreifer geschlichen. Als der Verteidiger einen Flanke abwehren will, ruft sein Hintermann laut »Leo«. Der verteidigende Spieler lässt den Ball zum vermeintlich besser postierten Mitspieler passieren. Doch dieser »Andersfarbige« bedankt sich mit einem Grinsen und schiebt den Ball ins Tor. Der Schiedsrichter zeigt trotz aller Proteste auf den Mittelpunkt und lässt sich nicht beirren ...
Spieler oder Schiedsrichter – wer hat Recht?
Zu diesem Zeitpunkt (Anm.: 1997) handelte der SR nicht richtig:
Zitat von Begründung aus 1997 (sinngem.)Alles anzeigenSchon lange vor 1997wachten die Gralshüter der sportlichen Moral mit Argusaugen darüber, dass der Gegner nicht durch ungebührliche Zwischenrufe wie „Weg da!“ oder „Lass!“ in seiner Entfaltung gestört wurde.
Täuschung nennt man das im Regelwerk, ich nenne es Spielwitz. Aber der ist hierzulande bekanntlich verdächtig.
Ein (namentlich bekannter) Trainer, offensichtlich ein Mann mit Sinn für subversive Lösungen, empfahl seinen Schützlingen einst, die Zensurmaßnahmen der Unparteiischen durch Codewörter zu umdribbeln. „Leo“ lautete der Vorschlag. Ein harmloser Vorname als Chiffre für: „Geh mir aus der Sonne, den Ball nehme ich.“ Dagegen war selbst für die strengsten Sittenwächter an der Pfeife nichts einzuwenden.
Das Problem war nur, wie so oft, der menschliche Faktor – oder genauer: die deutsche Fantasielosigkeit. Statt sich eigene Codes auszudenken, stürzte sich das Kollektiv auf den „Leo“ wie der deutsche Beamte auf den Passierschein A38. Wenn aber jeder Zweitligist dasselbe Geheimwort brüllt, ist es mit der Geheimhaltung logischerweise bald vorbei.
Und wie reagiert eine deutsche Behörde – in diesem Fall der DFB-Schiedsrichterausschuss –, wenn der Bürger eine Nische der Freiheit entdeckt? Richtig: mit einem Verbot. Wegen „Missbrauchs“ wurde der „Leo“ untersagt.
Es ist wie im echten Leben: Wenn die Obrigkeit merkt, dass man sie ausgetrickst hat, ändert sie einfach die Regeln. Vermutlich ist es nur eine Frage der Zeit, bis das Schweigen auf dem Platz zur Pflicht wird – der Inklusion wegen.
Somit handelte der SR aus sicht von 1997 falsch. Statt Tor-Anstoß hätte es idF und Gelb geben müssen.
Auch ich wurde seinerzeit in diese Mysterien des Regelwerks eingeweiht, und der Drill war preußisch streng. Uns wurde eingehämmert, dass akustische Vergehen wie „Weg da!“ oder „Lass!“ mit der vollen Härte des Gesetzes zu bestrafen seien: indirekter Freistoß und Gelbe Karte. Wer den Gegner irritiert, begeht Verrat am Fair Play, so die Doktrin.
In diesem Umerziehungslager für angehende Unparteiische wurde uns auch das ominöse „Leo“ explizit als verbotene Vokabel eingebläut. Es stand quasi auf dem Index der unanständigen Wörter. Doch dann folgte der Moment, den man aus der Politik nur zu gut kennt – der Augenblick, in dem die reine Lehre auf die Wirklichkeit trifft. Unser Lehrwart, eben noch der gestrenge Hüter der Prinzipien, winkte plötzlich milde ab und raunte uns eine Lebensweisheit zu, die das ganze Regelgebäude ins Wanken brachte: „Das pfeift heute eh keiner mehr.“
Da war sie wieder, die typisch deutsche Lösung: Wir haben zwar die strengsten Vorschriften der Welt, aber wir sind uns insgeheim einig, dass wir sie ignorieren, wenn es drauf ankommt. Es ist ein bisschen wie bei der Schuldenbremse: Gut, dass wir sie haben, aber halten muss sich ja niemand daran.
Was bleibt ist:
Das Täuschen von Gegenspielern durch Rufe und Worte ist - auch heute noch - unsportlich und mit idF und Gelb zu bestrafen. Ob nun einer "Leo", "Lass", "Meiner" oder sonst irgendwas ruft. Allerdings ist der Ruf nur zu bestrafen, wenn er dem Zweck des unsportlichem täuschen des Gegners dient. Ob das der Fall ist, entscheidet der Mann in Schwarz.