Beiträge von Manfred

    Ich denke, dass wir keine Diskrepanz haben:

    Es gibt einen Punkt, an dem der Schiedsrichter festlegen muss, ob die nun vorliegende Situation vorteilhafter als die Spielstrafe ist ... Dinge wie die Schaltsekunde etc. dürfen für die Beurteilung keine Rolle spielen, man muss immer auf den Moment der Entscheidung zurückdrehen

    Wenn es irrsinnig schnell geht, ist nicht alleine deswegen der Nachpfiff unmöglich, ich muss dann auf den Moment zurückdrehen, in dem bei absoluter Möglichkeit die Entscheidung auf Vorteil oder nicht hätte erfolgen müssen, mit allen Kosequenzen - und natürlich der Ausnahme, dass ich ein womöglich gefallenes Tor nicht zurückpfeife, obgleich ich eigentlich zum Ergebnis gekommen "kein Vorteil = Spielstrafe" gekommen wäre, was m.E. aber verschmerzbar ist, da sich so ja keine Doppelchance ergibt.

    Nach intensivem Studium und nachdenken, komme ich zu folgendem Ergebnis:
    Es gibt einen Punkt, an dem der Schiedsrichter festlegen muss, ob die nun vorliegende Situation vorteilhafter als die Spielstrafe ist - und das ist der Moment der Entscheidung, ob nun der (Nach)Pfiff kommt oder es eben weiter geht, ganz egal, wie es weiter geht. Diese Entscheidung muss damit zwingend vor dem Moment erfolgen, in dem klar ist, ob die Vorteilssituation nun tatsächlich zum Erfolg führt, die Erfolgswahrscheinlichkeit darf sich nur auf die zentrale Frage auswirken, ob die Situation vorteilhafter ist als die Spielstrafe. Dinge wie die Schaltsekunde etc. dürfen für die Beurteilung keine Rolle spielen, man muss immer auf den Moment der Entscheidung zurückdrehen - theoretisch sogar dann, wenn man keinen Vorteil geben wollte, es aber doch zum Torerfolg kam.


    In der Rückbetrachtung meiner auslösenden Spielsituation hätte ich also sowohl auf Vorteil als auch Strafstoß erkennen können, weil der zeitliche Abstand so kurz war, dass im Moment des Kopfballs noch nicht sicher war, ob nun ein Vorteil vorliegt oder nicht. Anders sieht es aber beim Preußen-Spiel aus, hier halte ich die Grenze für überschritten, da hat der Kollege zu lange gezögert. In meinem konstruierten Musterbeispiel könnte man sich jetzt darüber streiten, ob Marke 2 oder 3 der entscheidende Punkt ist, später geht aber definitiv nichts mehr.


    Dennoch hoffe ich, dass die Preußen-Szene in der SR-Zeitung thematisiert wird, das könnte helfen ...

    Vielleicht mal zurück zu den Wurzeln:
    Sinn und Zweck der Vorteilsbestimmung ist es doch, dass der Schiri der Mannschaft, gegen die die Regel übertreten wurde, die Möglichkeit einräumen können soll, eine Spielsituation zu nutzen, die vorteilhafter als die Spielstrafe ist. Ich denke, auch nach der Diskussion, dass wir grundsätzlich einig darüber sind, wann eine Situation vorteilhafter ist, offen ist, wo wir die Grenze ziehen müssen, wann ein Vorteil eingetreten ist, denn auch da sehe ich keine Diskrepanz, dass nach eingetretenem Vorteil nicht mehr nachgepfiffen werden darf.


    Ich möchte jetzt ganz bewusst mal eine andere Situation zeichnen, die es vielleicht deutlicher macht:

    Angreifer wird kurz vor dem Strafraum an der linken Strafraumecke gefoult, um ihn herum ein Pulk Verteidiger, mithin ein Klassiker, wo man nicht an den Vorteil denkt, weil daraus nach allgemeiner Erfahrung nichts werden kann. Nun kommt der Ball durch einen Abpraller aber zu einem Mitspieler des Angreifers an der rechten Strafraumecke, der freie Bahn auf das leere Tor hat, also das Lehrbuchbeispiel für eine Vorteilsanwendung. Und jetzt gehen wir mal Schritt für Schritt:

    1. Angreifer nimmt den Ball an.
    2. Angreifer dribbelt noch ein paar Meter in Richtung Tor.

    3. Angreifer schießt auf das Tor.

    4. Der Ball springt kurz vor dem Tor noch einmal auf den Boden.

    5. Durch den Bodenkontakt springt der Ball an die Latte.

    6. Ein herangeeilter Verteidiger/Torwart kann den Ball klären.
    Wo wäre Eurer Meinung nach der Vorteil eingetreten, sprich ein Nachpfiff nicht mehr möglich?

    Ein unbedrängter Abschluss aus ca. 20 Metern ist doch sicherlich nicht besser als ein unbedrängter Abschluss aus 11 Metern (der Strafstoß)

    Unstrittig.


    insofern darf man meines Erachtens hier nicht auf Vorteil entscheiden.

    Das wäre taktisch sicher klüger, aber keineswegs zwingend. Bekanntlich werden noch lange nicht alle Strafstöße verwandelt ...

    Man kann es durchaus so sehen, dass die kleine Chance auf den Torerfolg nicht rechtfertigt, dort den Strafstoß-Pfiff zu verzögern.

    Genau da liegt aber am Ende der Hase im Pfeffer:
    Es ist nach meiner Kenntnis Konsens im Lehrwesen, dass es keinen Anspruch auf eine Doppelchance gibt, von daher gibt es grundsätzlich nur die Wahl zwischen sofortigem Pfiff oder Vorteil. Aber:

    Zitat

    lässt das Spiel bei einem Vergehen weiterlaufen, sofern das Team, das das Vergehen nicht begangen hat, dadurch einen Vorteil erhält, und das Vergehen zu ahnden, wenn der mutmaßliche Vorteil nicht sofort oder innerhalb weniger Sekunden eintritt,


    So das Regelwerk. Ich verstehe das so - in Übereinstimmung mit dem, was im Lehrgang und in Schulungen gesagt wird -, dass ich mich eben zwischen sofortigem Pfiff und Vorteil zu entscheiden habe. Sehe ich einen Vorteil, ist die Entscheidung final, es sei denn, dieser tritt wider Erwarten innerhalb kurzer Zeit doch nicht ein, dann darf ich noch nachpfeifen.

    Nur: Vorteil bedeutet eben, dass sich eine gleichwertige oder bessere Chance als bei der Spielstrafe ergibt, die Betonung liegt aber auf Chance, nicht auf erfolgreicher Nutzung - ich darf also nachpfeifen, wenn sich die erwartete Chance nicht ergibt oder wider Erwarten doch noch so gut ist wie die Chance, die aus der Spielstrafe entstünde, in dem Moment, in dem die Chance genutzt wurde, ist die Schranke aber geschlossen, da gibt es keinen Nachpfiff mehr.

    Regeltechnisch falsch ist das Warten aber nicht, das ist dann eher eine Auslegungs- bzw. Stilfrage (wie bei anderen Vorteilssituationen auch).

    Und genau das sehe ich aus diesem Grund als nicht gegeben an.

    Meiner Meinung nach hätte man das abpfeifen sollen, bevor der Torschuss passiert.

    Unstrittig, aber aus der Kategorie "Hinterher sind alle schlauer".

    Dies ist doch ein Paradebeispiel für den verzögerten Pfiff.

    Wirklich? Nach meinem Regelverständnis ist der Vorteil zwar noch nicht zwingend eingetreten, wenn der Mitspieler den Ball in aussichtsreicher Position erhält, aber wenn der unbedrängt auf das Tor schießt, halte ich selbiges dann eben doch für gegeben, ansonsten wären wir wieder an dem Punkt, dass die Mannschaft zwei Chancen bekommt - soll das wirklich gewollt sein?

    Und dieses Wochenende gab es ein Muster für das, was ich meine: Bericht (ab 1:15)


    Über den Umstand, ob für das Foul eine Verwarnung auszusprechen ist, kann man sicher trefflich streiten, aber die Reaktion des Augsburger Spielers, sorry, da muss ein Zeichen folgen. Letztlich will Tobias Welz das Foul nicht verwarnen, kann aber das - deutlich zu heftige - Verhalten des Augsburgers verstehen und verzichtet auch auf dessen Verwarnung. Sicher, in Profi-Ligen kann man das so machen, aber wer das als Anfänger durchgehen lässt, der hat das Spiel aus der Hand gegeben. Und wozu das am Ende führt, kann man im weiteren Spielverlauf sehen, die Spieler geraten ja nochmals heftig aneinander ...

    Wo ich dir recht gebe, ist dass diese nicht Grundlage einer Entscheidung seind dürfen.

    Und genau das ist die Zielrichtung des Beitrages - ich muss nach Regelwerk entscheiden und da ist eben eine "Notbremse" eine solche, auch wenn der Verteidiger dem Angreifer vollkommen aus Versehen von hinten auf den Schuh tritt, mit allen Konsequenzen, selbst wenn nicht zu übersehen ist, dass das alles andere als Absicht war.


    Wir hatten am gestrigen Bundesliga-Spieltag übrigens zwei Situationen, die geradezu klassisch waren - und wo die Kollegen das auch richtig gemacht haben:
    Einmal "fällt" ein Angreifer im Strafraum und zeigt unmittelbar, gewissermaßen in tätiger Reue, dass das kein Foul war, dennoch bekam er die Verwarnung, weil es eben keine tätige Reue im Regelwerk gibt. Im zweiten Fall rutscht ein Spieler, aber der Ball kommt dann an den anderen (nicht den abstützenden) Arm, der zudem noch recht hoch aufzeigt - sicher keine Ansicht, aber eben ein Strafstoß im Sinne der Regeln.


    Ich habe es aber oft genug selbst erlebt - und noch Öfter von betroffenen, meist jüngeren, Schiris gehört, dass sie nicht so entschieden hatten, wie es richtig gewesen wäre, eben weil sie das aus der Position Spieler betrachtet hatten, mithin hatten die Verständnis für die Situation gehabt.

    Mitgefühl, Rücksicht und vor allem Verständnis sind der Schlüssel zu einer erfolgreichen Spielleitung.

    Nein - Punkt. Eine erfolgreiche Spielleitung zeichnet sich dadurch aus, dass sie berechenbar ist - und das ist sie primär, wenn der Schiri die Regeln anwendet; sie wird übrigens noch besser, wenn alle Schiris die Regeln gleich anwenden. Natürlich gibt es Spielräume, aber die beziehen sich meist eher auf Dinge wie "liegt ein Vorteil vor" oder die Frage, ob eine persönliche Strafe sinnvoll ist - bitte nicht mit den Fällen verwechseln, in denen die zwingend ist - oder ob es eben auch eine Ansprache tut, nur sollten diese Entscheidungen eben gerade nicht aus Dingen wie Mitgefühl, Rücksicht oder Verständnis gespeist werden, sondern von Faktoren wie beispielsweise dem Spielcharakter, denn in einem Spiel kann ich viel mit Ermahnungen regeln, in anderen Spielen sind für gleiche Situationen Karten das Mittel der Wahl, aber eben, wie bereits geschrieben, nur da, wo auch wirklich Spielräume bestehen.


    Nebenbei:
    Wir sind hier im Bereich für Neulinge - und die haben es oft schwer genug und tun sich selbst auch schwer. Wenn die anfangs erst einmal stringent(er) sind, halten die sich viele Probleme vom Leib, der Rest ergibt sich aus Erfahrung. Dazu kommen weitere Faktoren wie Auftritt, Typ, Schlagfertigkeit etc., als alter Hase mit lockerem Mundwerk kann ich manches anders lösen als ein frisch gebackener Schiri, weil ich besser erkenne, was ich zu tun habe und man mir das auch "abkauft"; gleichwohl darf ich, womit ich der Kreis schließt, meine Entscheidung eben nicht von Dingen wie Verständnis und Mitgefühl beeinflussen lassen.
    Auch hierzu ein Beispiel:
    Ich habe vielleicht Grütze gepfiffen und der Trainer beschwert sich lautstark. Klar, mein Gefühl sagt, der hat recht - aber darf ich das deshalb zulassen? Bei der nächsten Situation, bei der ich sicher bin, dass ich richtig liege, meckert der wieder lautstark - und nun?

    Insbesondere jüngere Schiris, die selbst noch aktiv Fußball spielen, aber auch ältere Schiris, die den Rollenwechsel vom Spieler zum Schiri noch nicht vollständig geschafft haben, trifft das Problem besonders: Irgenwie hat man Mitgefühl mit dem Spieler oder Verständnis für dessen Aktion.


    Gut, menschlich habe ich durchaus auch des Öfteren Verständnis oder Mitgefühl, die Kunst ist aber, dies erstens für mich zu behalten und zweitens meine Entscheidungen davon nicht beeinflussen zu lassen. Wer das nicht schafft - und hier ist vor allem Selbstkontrolle gefragt -, der wird aus dem Unterbewusstsein heraus falsche Entscheidungen treffen, in dem bestimmte Aktionen nicht gepfiffen oder persönliche Strafen nicht oder unzulässig abgemildert ausgesprochen werden. Wir müssen uns immer darüber klar sein, dass es ein ganz einfaches Schema aus Handlung und Folge gibt, die Beweggründe haben uns nicht zu interessieren - und nebenbei können wir die oft auch nur mutmaßen. Wer das nicht beherrscht und beherzigt, der trifft Fehlentscheidungen, welche die ganze Spielleitung beeinträchtigen werden - übrigens derselbe Effekt wie sogenannte Konzessionsentscheidungen (hier, womöglich versehentlich, einen Strafstoß gegeben, den man selbst als falsch einschätzt, darf ja auch nicht dazu führen, dass wir der anderen Mannschaft ebenfalls einen, dann übrigens noch fragwürdigeren, Strafstoß zusprechen).


    Wenn überhaupt, aber selbst da ist das kein guter Ratgeber, kann Mitgefühl oder Verständnis Einfluss auf einen eventuell fälligen Sonderbericht haben, wobei es auch dort darauf ankommt, dass man den reinen Sachverhalt schildert, dessen Bewertung ist ja gerade Sache des Sportgerichtes. Wobei, das ist die einzige Ausnahme, es keine Schande ist, wenn man im Sonderbericht einräumt, dass eine Entscheidung in der Nachbetrachtung einem selbst falsch erscheint.


    Fazit:
    Denkt daran, dass Ihr auf dem Platz Schiedsrichter seit und diese Rolle auszufüllen habt, alle anderen Erwägungen sind ganz bewusst aus- bzw. zu überblenden; wer das nicht befolgt, macht sich selbst nicht nur die Spielleitung schwer, der leistet auch dem Fußball einen Bärendienst - und macht sich nebenbei noch selbst zum "Schiedsrichter von letzter Woche".

    Um das noch einmal aufzugreifen - das geht tatsächlich noch schlimmer ...


    Das Sportgericht hat einen Abbruch wegen einer Todesbedrohung anulliert, immerhin bezieht der Verbandsschiedsrichterobmann erfreulicherweise sehr deutlich da Stellung: Bericht
    Offen gestanden kann ich das Urteil nicht nachvollziehen, das kann man so auch nur am grünen Tisch fällen. Ein Abbruch nach einer Bedrohung mit dem Tod muss für meine Begriffe zwingend erfolgen, was übrigens sogar dann gilt, wenn das möglicherweise nicht ganz ernst zu nehmen ist, es gibt Dinge, da dürfen wir keinen Spaß verstehen - alleine schon deshalb, weil aus Worten Taten werden können, aber auch, damit das nicht "handelsüblich" wird.

    Und es gibt Neuigkeiten: Bericht


    Positiv: Es wird verbandsseitig aufgearbeitet - und das sogar unter Einbeziehung der Eltern.
    Negativ: Sorry Felix, aber Deine Aussage ist mindestens missverständlich, auch auf dem Platz muss ich als Schiri nicht mit der Angst zurechtkommen, die einzige Angst, die ich da haben darf, ist die vor einer Fehlentscheidung.

    Puh, da wird jeder Schmodder an Regeländerungen ausführlich durchgekaut, aber solche Dinge werden nicht erwähnt - und sind weniger sorgfältigen Lehrwarten vermutlich auch nicht bekannt ... kann es irgendwie nicht sein, passt aber zum Chaos beim parallelen Thema "Pfiff beim Schiedsrichterball".

    Über einen Pfiff zur Spielfortsetzung bei längeren Unterbrechungen - quasi als Signal "es geht weiter" - sollte der Regelgeber mal nachdenken

    Das denke ich jetzt mal ganz bewusst weiter:
    Jeder sieht, wenn zu Beginn des Spiels oder zur zweiten Halbzeit alle auf den Platz kommen - aber niemand zweifelt an, dass hier ein Pfiff als Signal erfolgen muss, bei einem Schiri-Ball nach einer längeren Unterbrechung sieht aber jeder, dass es weiter gehen soll ... Mit solchen oder ähnlichen Argumentationsketten kann ich aber viele Pfiffe einsparen, insbesondere die nach Auswechslungen, sieht schließlich auch jeder, wenn die abgeschlossen ist.


    Es heißt doch immer, dass der Pfiff die Sprache des Schiedsrichters sei. Und die beste Spielleitung ist immer die, bei der es möglichst wenig Zweifel gibt. Alleine schon deshalb ist es m.E. nach einer längeren Unterbrechung geboten, dass ein Pfiff kommt.


    Natürlich kann man argumentieren, dass der Schiri das Spiel bewusst fortsetzt, in dem er den Ball fallen lässt - nur ist eben fraglich, ob das immer von allen bemerkt wird, bei einem Pfiff hat wenigstens jeder die Chance, das zu bemerken. Es gibt aber einen zweiten, für meine Begriffe viel wichtigeren Aspekt - für Spieler und Schiris:
    Fußball lebt von einfachen Regeln, je mehr Ausnahmen, desto komplizierter - und wir haben schon viel zu viele Ausnahmen, in den letzten Jahren sind da, insbesondere beim Strafstoß und beim Abseits, immer mehr geworden - für eine Ausnahme, die man aufgegeben hat (Ball muss beim Abstoß/Freistoß im eigenen Strafraum den Strafraum nicht mehr verlassen), kamen (ungefähr, ich habe nicht genau gezählt) zehn neue Ausnahmen hinzu. Wenn wir hier also eine klare Regel einheitlich anwenden, kann so etwas das Spiel nur einfacher machen - und eine Vereinfachung der Regeln wäre unterdessen - mal wieder - überfällig, vor gut zehn Jahren hatte man mal einen großen Wurf gemacht, seitdem ist das Regelwerk aber wieder signifikant umfangreicher geworden.

    Das macht man einfach nicht.

    Und ob man das macht, gerade in der Betonliga kann das sogar sehr ratsam sein, weil man sich mit ein paar erklärenden Worten Unruhe vom Hals/Respekt verschaffen kann - also warum ohne Not auf eine solche Option, die am Ende allen dient, verzichten? Klar, man muss ein gutes Feeling dafür haben und auch den passenden Auftritt, von daher ist das nicht für jeden Schiri das Mittel der Wahl bzw. passt es nicht in jedes Spiel, aber ich mache das durchaus auch mal - und das hat mir bisher nie geschadet, im Gegenteil, das hat auch was mit der Wahrnehmung des Schiris als Mensch zu tun (als Gegenteil von Arroganz).

    Auch hier hilft ein Blick in die Regelhistorie, um das besser verstehen zu können:
    Nach einer Änderung der Abseitsregel wurde diese bei einem internationalen Turnier erstmals angewandt - und es passierte ziemlich regelmäßig, dass ein Spieler 20 oder 30 Meter dem Ball nachsprintete, da damals erst beim Ballkontakt auf Abseits entschieden werden durfte. Dies wurde, sicher nachvollziehbar, als nicht befriedigend bewertet, so dass die Regel erneut verändert wurde.


    Heute gilt daher:
    Der Schiedsrichter soll erst auf Abseits entscheiden, wenn der Spieler in das Spielgeschehen eingreift, wobei ein Eingriff bekanntlich nicht zwingend Ballkontakt bedeutet, auch der Einstieg in einen Kampf um den Ball kann ja schon genügen, um nur eine Konstellation zu nennen. Außerdem, deshalb habe ich auf die Histore verwiesen, kann der Schiedsrichter zur Vermeidung der beschriebenen Situationen auch dann schon auf Abseits entscheiden, wenn er der Auffassung ist, dass der betroffene Spieler der einzige Spieler ist, der eine Chance hat, den Ball auch zu erreichen. Der von Nemata beschriebene Effekt oberschlauer Zuschauer, die dann auch noch falsche Rückschlüsse ziehen, darf allerdings keine Grundlage für einen zu frühen Pfiff sein, wobei meine Erfahrung lehrt, dass man das Spieler und auch Zuschauern in gewissem Umfang "aberziehen" kann, wenn die erst einmal merken, dass man tatsächlich "wait and see" anwendet und das bei den ersten zwei oder drei Fällen mit Aussagen a la "lasst mich doch erst einmal schauen, wer wirklich an den Ball kommt" erklärt, idealerweise verteilen sich solche Fälle beidseitig, dann sind alle zufrieden.


    Beim Schiedsrichterball gilt, dass ein Anpfiff in den vom Regelwerk genannten Fällen Auswechslung, persönliche Strafe und Verletzungsbehandlung erforderlich ist, sinnvoll ist er auch, wenn das Spiel aus einem anderen Grund länger unterbrochen war oder es einen anderen nachvollziehbaren Ausnahmefall gab, bei dem es geboten erscheint, auch dem letzten Spielteilnehmer klar zu machen, dass es jetzt weiter geht. In allen anderen Fällen soll nicht gepfiffen werden, generell gilt aber, dass erst der Pfiff kommt und dann der Ball fällt.


    Ich glaube, es wird Zeit, dass ich mal wieder in Flörsheim angesetzt werde - wobei die Voraussetzungen ja gut sind, bei Euch war ich immer nur, wenn es draußen knackig kalt war ...

    Und dann wollen erfahrene alte Hasen auch noch die ominöse „verlorene Zeit“ nach Gefühl festlagen.

    Ja, das machen erfahrene Schiris - und ich wette, die sind dabei gar nicht schlecht, wenigstens nicht schlechter als Du, denn Du entscheidest bei vielen Dingen am Ende auch nach Gefühl, wann Du nun stoppst, aber auch, wieviel der Zeit Du tatsächlich nachspielen lässt.


    Dazu kommt:
    Es gibt Spiele, bei denen man eben nur das unbedingt zur Gesichtswahrung notwendige Minimum nachspielen lässt - und das übrigens allen Beteiligten recht ist. Aber es gibt eben auch Spiele, in denen man genau das nachspielen lässt, was eben tatsächlich nachzuspielen wäre, gestern kam ich auf 6 Minuten in der 1. und 8 Minuten in der 2. Halbzeit - und auch da waren alle, die vorher Angst um die Zeit hatten, am Ende zufrieden.


    Man muss das übrigens nicht stoppen, ein Blick auf die Uhr genügt - und ein wenig addieren im Kopf funktioniert auch so ganz gut, dafür kann man nicht vergessen, irgendwelche Knöpfe zu drücken, es gibt, gerade für Alleinpfeifer, genug Situationen, in denen man wahrlich wichtigere Dinge zu tun hat als Knöpfe zu drücken (und dann tut es eine Schätzung meist auch ganz gut, wichtig ist nur die Fortschreibung der Summe).


    Wie das mit der Erfahrung ist - siehe Abseitsentscheidungen als Alleinpfeifer, klar, die sind nicht immer bis auf den Zehennagel akkurat, die Fehlerquote ist aber erstaunlich/erfreulich klein.

    In dieselbe Kategorie gehören auch Rufe wir "Hab ich", "Lass" und Co. - und hier gibt es eine klare Grenzlinie:
    Dienen die Rufe tatsächlich nur der Information der Mitspieler, sprich werden Tatsachen beschrieben bzw. hat der Rufer begründeten Grund zur Annahme, dass die Situation in Kürze so eintreten wird, so ist das nicht zu beanstanden. In allen anderen Fällen drängt sich zumindest der Verdacht auf, dass damit der Gegner irritiert werden soll - und genau das ist der Klassiker einer unsportlichen Handlung, also Pfiff, idF wo der Rufer stand und Verwarnung; aber bitte einen eventuellen Vorteil beachten!

    Folgende Szene aus meinem letzten Spiel, die wir - zum Glück - hier schon diskutiert hatten:
    Nach einem Torerfolg rangeln sich ein Angreifer und der verteidigende Torwart um den Ball, beide bekommen "Unterstützung", das ist aber schnell aufgelöst. Ob der zu provokanten Art hat der Angreifer bei mir eine :gelbe_karte: gut, die ich auch aussprechen will, nachdem ich den ein wenig aus der "Gefahrenzone" gebracht habe. Noch bevor ich ihm die Karte, die ich schon in der Hand habe, zeigen kann, äußert der sich noch einmal unsportlich in Richtung Gegner, ergo bekommt die :gelbe_karte: zwei Höhenflüge geschenkt - aber bevor ich die dazu fällige :rote_karte: zeigen kann, bedenkt der mich "Spast". Ich habe tatsächlich einen Augenblick gezögert, was nun richtig ist, mich aber dann an die Diskussion hier erinnert, die mein Gefühl bestätigt hat - er ist am Ende mit der Ampelkarte vom Platz gegangen, der Nachschlag für seine "nette" Betitelung findet sich jetzt in einem Sonderbericht. Es gibt wirklich nichts, was es nicht gibt ...

    So einfach ist es dann doch nicht:
    Ich habe eben spaßeshalber mal das DFB-Lehrbuch für Schiedsrichter aus dem Jahr 1976 durchforstet, leider enthält das keinen Regeltext, sondern die Lerninhalte für einen Schiri-Neulingslehrgang. Auffällig aber: Damals war verlorene und vergeudete Spielzeit beschrieben, es gab aber keine Unterscheidung bezüglich des Umstands, dass diese Zeit zwingend nachzuspielen war, es war ausdrücklich beschrieben, dass hier der Vorteil nicht zur Anwendung kommt. Mithin hat sich die Regel textlich offensichtlich nicht geändert.


    Gleichwohl ist es aber, unabhängig vom Regeltext, anerkannter Lehrsatz, dass die vergeudete Zeit unter Beachtung der Vorteilsbestimmung nachzuspielen ist ...

    Was besagt die Regel noch einmal?

    Zitat

    außerhalb des Strafraums war, lässt der Schiedsrichter den Ball vor einem Spieler des Teams fallen, das in Ballbesitz war oder gekommen wäre, sofern der Schiedsrichter dies abschätzen kann; andernfalls erfolgt der Schiedsrichterball mit einem Spieler des Teams, das den Ball zuletzt berührt hat. Der Schiedsrichterball erfolgt an der Stelle, an der sich der Ball zum Zeitpunkt der Spielunterbrechung befand.

    Zunächst einmal hängt es also davon ab, ob der Schiri das einschätzen kann. Hier kommt es sehr schnell zu Grenzfällen, weil der Ball möglicherweise gar nicht genug Energie gehabt hätte, man als Schiri den Winkel nicht genau einschätzen kann, Position von Spielern beider Mannschaften etc. pp. Unser Lehrwart hat das sehr deutlich beschrieben, dass wir hier zurückhaltend sein und uns wirklich zu 100 % sicher sein sollen.
    Nehmen wir aber einmal an, dass der Schiri das tatsächlich sicher annehmen kann, so stellt sich die Frage, was wirklich gemeint ist:
    Sicher ist, dass die Regel greifen soll, wenn der Ball unmittelbar zum Gegner gekommen wäre. Aber meint der Regelgeber tatsächlich auch die indirekte Variante? Der Begriff Ballbesitz kommt üblicherweise nur im laufenden Spiel zur Anwendung, das wäre ein klares Indiz, dass die indirekte Variante nicht gemeint ist. Dazu kommt die Regelhistorie, vorher war das ja bekanntlich immer die Mannschaft mit dem letzten Ballbesitz, die Intention der Änderung ist meines Erachtens doch lediglich, dass man es als ungerecht empfand, wenn im laufenden Spiel der Ball ohnehin sicher verloren gegangen wäre, diesen an die ursprüngliche Mannschaft des Ballbesitzes zurückzugeben; nun ist der Einwurf aber eben keine Spielfortsetzung im laufenden Spiel, passt für meine Begriffe also nicht.


    Wirkliche Sicherheit kann aber am Ende wohl nur das IFAB schaffen.