Hartes Foul nach Vorteilsauslegung

  • Hallo,

    ich hatte am Wochenende folgende Situation: Angreifer (#7, grün) wird von Verteidiger (#12, weiß) gehalten, Vorteil wird angezeigt. Verteidiger (#18, weiß) klärt den Ball und wird von #7 klar mindestens gelbwürdig gefoult. SR entscheidet auf Freistoß für grün und keine persönliche Strafe.

    Würde die Härte des Fouls auch eine andere Entscheidung rechtfertigen, also entweder Freistoß weiß oder Freistoß grün + persönliche Strafe für #7?

  • Die Spielfortsetzung geht grundsätzlich immer nach dem Vergehen, das zuerst begangen wurde. Bei zeitgleichen Vergehen geht es nach dem härtesten.

    Wenn du sagst, dass der Vorteil angezeigt wurde, verstehe ich das so, als wäre die Vorteilssituation eingetroffen, der Angreifer hat daraus aber nichts gemacht. Wenn dem so ist, dann darf auch nicht zurück auf das ursprüngliche Foulspiel gegriffen werden und es muss den Freistoss für #18 geben.

    Ist der Vorteil aber nicht eingetroffen und dieser wurde auch (noch) nicht angezeigt, so kann der Freistoss für #7 gegeben werden. Die Verwarnung gegen #7 kann trotzdem noch ausgesprochen werden.

  • Wenn der Vorteil angezeigt ist, hat das taktische Foul von #12 keine Wirkung erzielt und ich kann es nicht mehr nachpfeifen und ahnden. Deshalb empfiehlt sich immer, mit dem offenen Anzeigen des Vorteils lieber etwas zu warten, um sich diese Option offen zu halten.

    Denn wenn der Angreifer durch das Foul von #12 den Ball nicht vor #18 erreichen kann, ist es auch kein Vorteil.


    Anders verhält es sich bei Vergehen, welche keinen taktischen Charakter haben und ungeachtet von einem Vorteil mit Gelb geahndet werden müssen. Das hatte ich vor zwei Wochen. Gelb vorbelasteter Spieler begeht ein rücksichtloses Foul an der Mittellinie, die gegnerische Mannschaft führt den sehr aussichtsreichen Angriff fort und erzielt das Tor. Da habe ich dann Gelb-Rot vor dem Anstoß gezeigt. Manchem Spieler habe ich dann gerne den Unterschied erklärt, was auch verstanden wurde.


    Handelt es sich aber um ein Vergehen, welches mit Rot zu ahnden wäre, würde ich immer empfehlen, direkt zu unterbrechen. Denn als Alleinpfeifer bleibt man mit dem Blick auf dem Spielgeschehen des Vorteils und hat nicht im Auge, was in Folge des rotwürdigen Vergehens passiert. Hier kommt es dann gerne zu Folgevergehen und Rudelbildungen, deshalb sollte man hier lieber unterbrechen, auch wenn die Regel eine verzögerte Rote Karte zulässt.

  • Nach der reinen Beschreibung ein klarer Regelverstoß: Mit der Anzeige des Vorteils gilt dieser als eingetreten, damit kann die Entscheidung nicht mehr aus Freistoß für die grüne Mannschaft lauten, dann bliebe nur Freistoß weiß und Verwarnung #7 grün.


    Aber: Wenn der Vorteil nicht explizit angezeigt oder ausgesprochen wurde, kann man sehr wohl vertreten, dass hier der Nachpfiff erfolgt, eben weil der Vorteil nicht eingetreten ist. Gleichwohl kann - und muss - #7 grün für das verwarnungswürdige Foul verwarnt werden - aber eben ohne Freistoß -, wenn das Foul aufgrund der Härte verwarnungswürdig war. Aber auch die Haltenummer von #12 weiß kann sehr wahrscheinlich verwarnt werden, denn Haltevergehen haben regelmäßig genau den einen Zweck: Verhinderung eines aussichtsreichen Angriffs.

  • Wenn Du bei einem taktischen Foul auf Vorteil entscheidest kannst Du für das takt. Foul hinterher keine Verwarnung mehr aussprechen, die pers. Strafe wird reduziert. Anders verhält es sich bei einem rücksichtslosen Foul, hier muss auch nachträglich die Verwarnung erfolgen.


    Wenn man natürlich nichts anzeigt und verzögert pfeift, dann ist der Vorteil nicht eingetreten und man sollte die Verwarnung aussprechen.


    Manfred: Von einem klaren Regelverstoß zu sprechen halte ich für gefährlich, es ist sicherlich eine unglückliche Regelauslegung, die bei einer Beobachtung auch zu entsprechenden Abzügen führt. Ein klarer Regelverstoß kann aber ein Grund für eine Spielwiederholung sein, dieser Sachverhalt ist hier sicherlich nicht gegeben.

  • Ich find das ja persönlich solch eine unglückliche Regelauslegung bzw. -ausführung. Mir erschließt sich tatsächlich nicht der Sinn, weswegen ein angezeigter Vorteil nicht zurück gepfiffen werden darf.

  • Ich find das ja persönlich solch eine unglückliche Regelauslegung bzw. -ausführung. Mir erschließt sich tatsächlich nicht der Sinn, weswegen ein angezeigter Vorteil nicht zurück gepfiffen werden darf.

    Diesen Sinn verstehe ich auch nicht wirklich....

  • Ganz einfach:
    Die Anzeige eines Vorteils ist wie ein Pfiff mit sofortiger Spielfortsetzung - und nach der Fortsetzung des Spiels darf ich, von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen, Entscheidungen auch nicht mehr zurücknehmen. Daher soll man den Vorteil ja auch nur dann anzeigen, wenn faktisch sicher ist, dass der eintreten wird respektiver selbiger bereits eingetreten ist.

  • Heute beim IFAB gefunden. Ist zwar eine etwas andere Situation aber die zeitliche Abfolge nach meinem Verständnis erst Foul, dann Vorteil Anzeigen und erst danach der äußere Einfluss. Das würde der These „Vorteil Anzeigen ist wie ein Pfiff mit schneller Fortsetzung“ widersprechen:


  • Sowohl Entscheidung als auch Begründung sind pragmatisch und am Ende wirkungsgleich, von der Begründung her aber formal nicht haltbar. Allerdings hat hier offenkundig jemand darauf abgestellt, dass der Vorteil eben doch nicht eingetreten ist, weil er durch die unvorhersehbare Außenwirkung (fremder Pfiff) nicht eintreten konnte.; es ist nicht vorstellbar, dass die Entscheidung gleich wäre, wenn spielbezogen der Vorteil doch nicht eingetreten wäre.

  • Würde das jetzt auch eher als Ausnahmefall verstehen und nicht als ein Beispiel, aus dem man etwas für weitere Szenen ableiten kann.


    Interessant auch noch: Scheinbar soll es dann kein Gelb für SPA geben, obwohl explizit von einem "promising attack" die Rede ist.

    Also ist schon logisch, weil der Angriff ja nicht wirklich durch das Foul, sondern durch den Pfiff von außen (bzw. die Reaktion darauf) verhindert wurde, aber muss man trotzdem einmal darüber nachdenken. Es greift ja im Prinzip die Strafreduzierung bei einem Vorteil, ohne dass der Vorteil durchgezogen wird.

  • Ich lese auch nicht direkt heraus, dass ein aussichtsreicher Angriff durch das Foul unterbunden wurde; lediglich, dass ein solcher durch den Vorteil besteht. Und "carelessly" sollte regeltechnisch wohl mit "fahrlässig" übersetzt werden.


    Bei der Bewertung als Ausnahmefall bin ich aber bei dir.

    In einer Aktion prallten Grevelhörster und Gerick zusammen. Der FC-Stürmer blutete aus der Nase, aber Schiedsrichter Stefan Tendyck aus Gelsenkirchen konnte mit einem Taschentuch aushelfen. Gericks Torriecher wurde nicht in Mitleidenschaft gezogen: Er markierte das 1:3.


    Westfalen-Blatt (29.5.2017) :D