Hartes Foulspiel während des Abwartens ob ein Vorteil eintritt

  • Hallo!


    Wie würdet ihr folgende Szene beurteilen:


    Angreifer A befindet sich in Höhe der Mittellinie in Ballbesitz und setzt zu einem Lauf Richtung Tor an. Auf dem Weg umspielt er Verteidiger B und befindet sich anschliessend im Laufduell mit Ihm. Im Laufduell spielt Angreifer A nun einen 2m-Pass zu Angreifer C. Unmittelbar in der Passbewegung tritt Verteidiger B dem Angreifer A gegen den Fuß (er kommt zu spät beim Blocken des Passes) und ich entscheide innerlich auf Foul, lasse aber Vorteil (nicht angezeigt) laufen, weil der Pass bei Angreifer C ankommt.


    Angreifer C verstoppt den Ball aber, sodass er zu Verteidiger D gelangt, der direkt neben Angreifer C und auch im direkten Laufweg von Stürmer A steht. Angreifer A geht völlig übermütig in den Zweikampf mit Verteidiger D und foult ihn mit erhöhter Intensität (klare Verwarnung).


    Hier folgt nun mein Pfiff, da der Vorteil ja definitiv nicht eingetreten ist.


    Meiner Meinung nach müsste ich einen Freistoß für die angreifende Mannschaft geben, jedoch Angreifer A mit einer Verwarnung für das Foulspiel bestrafen.


    Was denkt ihr?

  • Für mich gibt es hier zwei Möglichkeiten:


    Auf der einen Seite ist der Vorteil durch den angekommenen Pass eingetreten, dass C den Ball vertändelt, dafür können wir nichts. Somit gäbe es dF für D und VW für A. Mit Sicherheit wirst dann aber die Beschwerden der angreifenden Mannschaft haben.


    Andererseits hast Du den Vorteil noch nicht angezeigt und kannst somit quasi das erste Vergehen von Verteidiger B noch ahnden mit dF und VW und dem Angreifer A ebenfalls verwarnen.


    Beide Varianten halte ich hier für möglich, da es ja eine rein subjektive Entscheidung ist, ob der Vorteil eingetreten ist oder nicht.

    Und aus Erfahrung wäre hier Variante 2 die geschicktere. Es werden beide Vergehen bestraft und es gibt den Freistoß für das erste Vergehen. Das ist verständlicher und die Akzeptanz ist höher (rein aus Erfahrung).


    Aber ich kann auch komplett falsch liegen :cool:

    Wenn der Mann in Schwarz pfeift, kann der Schiedsrichter auch nichts mehr machen.
    (Andreas Brehme)

  • Die reine Beschreibung ist vermutlich schwerer als die Entscheidung auf dem Platz, dort weiß mein Bauch sofort, was ich zu tun habe ...


    Rein formal ist der Vorteil in dem Moment eingetreten, in dem der Pass bei C ankommt und der etwas aus der Situation machen könnte - und hier liegt jetzt die erste große Ungewissheit, denn beim "verstoppen" hat jeder ein anderes Bild im Kopf, nimmt der den Ball "kontrolliert" an und verstolpert selbigen, ist der Vorteil eingetreten und ein Nachpfiff zumindest regeltechnisch nicht mehr möglich, bekommt der den aber von Anfang an nicht unter Kontrolle, so liegt auch noch kein Vorteil vor; auch die Aussage, dass der Ball so zu Verteidiger D gelangt, schafft da keine wirkliche Klarheit. Aber: An der Vorteilsentscheidung hängt nicht nur der Nachpfiff, sondern auch die Frage, ob Verteidiger B wegen der Verhinderung eines aussichtsreichen Angriffs möglicherweise verwarnt werden muss.


    Unabhängig davon ist der Einstieg von A bei D immer einer Verwarnung wert, egal für welche Spielfortsetzung man sich entscheidet. Sicher ist also die Spielfortsetzung direkter Freistoß, nur eben nicht für wen, und die Verwarnung A, evtl. aber auch B.


    Die höhere Akzeptanz erreicht man zwar mit einem Freistoß für A, auch wenn dieser verwarnt wird, dazu möglicherweise auch die Verwarnung für B, wenn ich der Auffassung bin, dass damit der aussichtsreiche Angriff verhindert wurde (und mit zwei Verwarnungen hat man auch rund um den Platz die höchste Zustimmungsquote), rein regeltechnisch ist das aber nicht unbedingt richtig.

  • Die Szene hat sich so vorgestern in meinem Spiel zugetragen


    Ein aussichtsreicher Angriff wurde durch Verteidiger B nicht unterbunden - da standen noch zahlreiche Verteidiger vor ihm und der Pass zu Angreifer C war ein Querpass.


    Ich habe auf direkten Freistoß für die verteidigende Mannschaft entschieden, da für mich der Vorteil eigentlich eingetreten ist. Angreifer C stoppte den Pass nur eben „2m weit“ (technisches Unvermögen).


    Des Weiteren habe ich Angreifer A verwarnt - blöd nur, dass er in der Szene zuvor durch ein hartes taktisches Foul bereits verwarnt wurde und nun so durch die wiederholte Verwarnung das Spielfeld verlassen musste.


    Meine Eingangsfrage wäre dann angepasst: Ich kann eine Verwarnung für verwarnungswürdige Fouls auch dann aussprechen wenn ich abwarte ob ein Vorteil eintritt?


    Was wäre wenn ich garnicht warte ob ein Vorteil eintritt, sondern nur zu langsam an der Pfeife bin und dann ein entsprechendes Foul passiert?


    Und was wäre wenn ich gepfiffen habe, und unmittelbar danach ein solches Foulspiel passiert?

  • Ein erfahrener SR agiert nach dem "Verstoppen" von Spieler C mit dem verzögerten Pfiff, dann erspart man sich den Rest der Aktion.


    Generell sollte man im Mittelfeld auch nicht zuviel mit Vorteil hantieren, oftmals ist ein kurzer Pfiff und ein schnelle Ausführung des DF sogar besser.


    Ich habe in jeder Saison 2-3 Beobachtungen, wo es nach solchen anfänglich harmlosen Situationen hektisch wird, das eine Team fühlt sich benachteiligt, da der Vorteil dann doch nicht eingetreten ist und dann ist man schnell bei einer Rudelbildung. In Deinem Fall denkst Du ja auch über eine VW nach, zu der es beim direkten Pfiff erst garnicht gekommen wäre.

  • In den Spielklassen, in denen ich unterwegs bin, wäre es erst dann ein Vorteil, wenn C den Ball unter Kontrolle hat und tatsächlich eine Torchance hat. Nur als Mannschaft im Ballbesitz bleiben reicht mir nicht als Vorteil! Erst dann würde mein Ruf kommen (und der würde abseits aller taktischen Mätzchen kommen, damit A weiß, dass ich das Foul gesehen und auch als Foul bewertet habe), und wenn C dann den Ball wieder verliert, dann gäbe es natürlich den Freistoß für D.


    Wenn C den Ball nicht unter Kontrolle bekommt oder in einem für den Gegner ungefährlichen Raum ist, kommt immer der Pfiff und der Freistoß für die Mannschaft von A. Wenn es A in dem kurzen Moment als bereits verwarnter Spieler schafft, ein weiteres verwarnungswürdiges Foul zu begehen, dann marschiert er halt vom Platz. Grund der Verwarnung: Dummheit. :flieh:


    Gemault wird in solchen Situationen immer, egal wie du entscheidest. Gebe ich den Vorteil, biete ich den Kritikern an, beim nächsten Mal direkt zu pfeifen, wenn die dann C erklären, warum er frei aus 16 Metern nicht zum Tor gehen darf, damit die einen Freistoß an der Mittellinie bekommen. Und wenn ich abgepfiffen habe, biete ich an, nach dem Spiel einen auszugeben, wenn C während des Spiels aus einer ähnlichen Situation (Ball ist bereits versprungen, Ballbesitz nahe Seitenlinie, mehrere Gegenspieler im Weg) noch ein Tor macht. Dann ist in der Regel Ruhe.

    Der Klügere gibt nach.


    Das erklärt, warum die Welt von den Dummen regiert wird.

  • Meine Eingangsfrage wäre dann angepasst: Ich kann eine Verwarnung für verwarnungswürdige Fouls auch dann aussprechen wenn ich abwarte ob ein Vorteil eintritt?

    Grundsätzlich ja. Ausnahme wäre ein nur fahrlässiges taktisches Foul (z. B. Halten). Das kannst du nur bestrafen, wenn du deswegen das Spiel unterbrichst und einen Freistoß/Strafstoß verhängst. Bei Vorteil können nur noch rücksichtslose Vergehen oder bestimmte DOGSOs in der nächsten Unterbrechung mit Gelb geahndet werden.

  • Eher im Gegenteil. Bei Vorteil sind sämtliche Verwarnungen und Feldverweise grundsätzlich nachzuholen so als ob der Vorteil nicht eingetreten wäre.

    Lediglich bei Vorteil nach DOGSO oder Verhinderung eines aussichtsreichen Angriffs gibt es die Ausnahmeregelung, dass die persönliche Strafe um eine Stufe abgemildert wird.


    Unter einem fahrlässigen taktische Foul kann ich mir nicht wirklich was vorstellen. Entweder es ist taktisch und damit implizit auch absichtlich und vorsätzlich. Oder es ist fahrlässig und damit ungewollt und nicht taktisch motiviert.

  • Unter einem fahrlässigen taktische Foul kann ich mir nicht wirklich was vorstellen. Entweder es ist taktisch und damit implizit auch absichtlich und vorsätzlich. Oder es ist fahrlässig und damit ungewollt und nicht taktisch motiviert.

    Die Definitionen von „fahrlässig“, rücksichtslos“ und „übermäßig hart“ stehen im Regelwerk. Es geht hierbei nicht darum, wie das Foulspiel „strafrechtlich“ zustande kommt (vorsätzlich oder nicht), sondern mehr auf dessen Auswirkung hinsichtlich der Gefahr und Folgen für den Gefoulten.


    Die Definition und Differenzierung dieser Begriffe im Sinne der Regeln erkennt man z. B. auch sehr gut in Regel 13.1, wenn ein Spieler einen Gegenspieler absichtlich anwirft.


    Auch bei der Zweikampfbewertung bedeutet mindestens „fahrlässig“, dass nicht jeder Körperkontakt ein Foulspiel im Sinne 12.1 ist, unabhängig ob er absichtlich oder nur leichtsinnig erfolgt.


    Ein Halten ist selbstverständlich immer absichtlich aber eben meistens nur „fahrlässig“. Wenn jedoch das Trikot zerreißt oder es „Chiellini-artig“ erfolgt, ist es natürlich mindestens „rücksichtslos“ im Sinne der Regeln.


    Ich habe den Begriff bewusst gewählt, da er auch bei Regelfragen eindeutig ist, um ein „verwarnungswürdiges“ Foul zu beschreiben, das nicht nur taktischer Natur ist.