Das bisher härteste Spiel meiner Karriere

  • Heute hatte ich zum ersten Mal in meiner Karriere ein Spiel in der 1. Kreisklasse zu leiten, bei uns die höchste Liga in der ohne Assistenten gepfiffen wird. Dabei handelte es sich auch noch um das Spitzenspiel Erster gegen Dritter, wobei der Dritte nur einen Punkt Rückstand auf den Ersten hatte. In diesem Bewusstsein nahm ich mir vor dem Spiel extra vor, besonders konsequent und kleinlich zu pfeifen. Die ersten 25 Minuten verliefen reibungslos und auch relativ fair, wobei ich dennoch nach Möglichkeit jede Kleinigkeit abpfiff. Dann nach etwa 25 Minuten kam eine Phase in welcher die Gastmannschaft mehr und mehr das Spiel in die Hand nahm und es fast nur in eine Richtung ging. Dadurch bedingt musste ich von nun an natürlich vor allem Freistöße gegen die Heimmannschaft pfeifen, was diese wiederum nicht so toll fand. Nach einer guten halben Stunde gab es dann die erste gelbe Karte gegen die Heimmannschaft wegen Festhalten des Gegners mit beiden Armen. Und dann kam die 35. Spielminute: Ein langer Ball der Gäste landet im Strafraum der Heimmannschaft, ein Spieler der Heimmannschaft erkämpft den Ball und ist im Begriff, diesen rauszuspielen. Aber bei dem Versuch den ballführenden Spieler zu bedrängen wird ein Spieler der Gastmannschaft zu Fall gebracht. Der Kontakt war nicht sehr stark, aber vorhanden. Daher entschied ich auf Strafstoß für die Gastmannschaft. Es folgten wilde Proteste einiger Spieler der Heimmannschaft. Einen Spieler, welcher besonders lautstark reklamierte rief ich zu mir um ihn zu verwarnen. Doch bevor ich die gelbe Karte aus der Brusttasche holen konnte sagte er zu mir die Worte "Du blinder Stock!". Ich nehme also die Hand von der Brusttasche zur Gesäßtasche, um dem Spieler rot zu zeigen. Doch dieser bekam recht schnell mit, dass das Spiel für ihn demnächst beendet sein wird. Also baute er sich vor mir auf und sagte in aggresivem Ton zu mir "Na los, zeig sie mir doch!". Das wirkte auf mich so bedrohlich, dass ich beschloss ihm nicht die rote Karte unter die Nase zu halten, sondern mich stattdessen zum Kapitän der Heimmannschaft begab und ihm mitteilte, dass ich seinen Mitspieler mit der roten Karte des Feldes verweise. Dieser protestierte zwar gegen diese Entscheidung, aber in Verbindung mit der Anwesenheit einiger Gästespieler verlies der betreffende Spieler der Heimmannschaft schließlich das Feld und den Innenraum. Jetzt konnte es also mit dem Elfmeter weitergehen, welcher zum 1:0 für die Gastmannschaft verwandelt wurde. Das Spiel wurde jetzt natürlich ruppiger, aber ich denke durch relativ kleinliches Pfeifen gelang es mir das Ganze nicht ausarten zu lassen. Es gab noch eine gelbe Karte für einen Spieler der Gastmannschaft wegen Foulspiels, aber dann war Halbzeit. Hier war ein Auswechselspieler der Gäste so freundlich mich bis zur Kabine zu begleiten. In der Halbzeit führte ich ein kurzes intensives Gespräch mit einem Betreuer der Heimmannschaft, welcher ebenfalls Schiedsrichter mit langjähriger Erfahrung ist. Das gab mir noch mehr Mut, die zweite Halbzeit beruhigt anzugehen. Für die zweite Halbzeit nahm ich mir vor, so kleinlich wie möglich zu pfeifen, um die Emotionen einzudämmen. Und tatsächlich passierte bis zur 77. Minute nur wenig nennenswertes, was vor allem darauf zurückzuführen sein sollte, das der Ball nie lange im Spiel verblieb, weil es immer irgendwelchen kleinen Fouls abzupfeifen gab. Im Wesentlichen machte jetzt aber die Heimmannschaft trotz Unterzahl das Spiel. Und in der 77. Minute schafften sie es tatsächlich das 1:1 zu erzielen, wo sie noch in der Halbzeit der festen Meinung waren, ich hätte das Spiel bereits entschieden. Die Gäste reklamierten zwar Abseits, aber nur symbolisch und ich war mir ziemlich sicher dass gleiche Höhe vorlag, weil sich der Angreifer erst nach dem Abspiel von seinem Gegner löste. Also ging das Spiel von Vorne los. Aber nur zwei Minuten später verwandelte ein Spieler der Heimmannschaft einen Freistoß aus dem Halbfeld direkt zur 2:1-Führung. Und wiederum drei Minuten später vollendete die Heimmannschaft einen Konter zum 3:1. Die verbleibenden etwa 10 Minuten waren jetzt nochmal sehr schwierig zu leiten. Denn, gefrustet durch die Tatsache dass sich innerhalb von 5 Minuten ein sicher geglaubter Sieg in eine fast sichere Niederlage verwandelt hatte, ging jetzt die Gastmannschaft zum Angriff über, und zwar ebenfalls sehr häufig mit unfairen Mitteln. Also musste ich auch hier vieles unterbinden. Gröbere Foulspiele waren aber nur wenige dabei. Kurz vor Schluss schoss ein Spieler den Ball weit weg, über den Zaun. Der Ersatzball befand sich bei einem Zuschauer, der aber so tat als wisse er nicht, dass der Ball gebraucht wird. Daher rannte ein Spieler mit Anlauf zu diesem Zuschauer und riss ihm den Ball aus der Hand. Der Zuschauer, der offensichtlich ein Anhänger der Heimmannschaft war, fiel wie betäubt zu Boden und schien dem Tod nahe zu sein. Da ich aber keinen bewussten Angriff wahrnehmen konnte und sich der Zuschauer zudem auch äußerst provokant verhielt, gab ich dem Gästespieler lediglich die gelbe Karte, wobei er sich wohl über rot nicht hätte beschweren dürfen. Nun verletzte sich auch noch ein Spieler der Heimmannschaft so dass er ausgewechselt werden musste, jedoch ohne absichtliches Einwirken eines Gegners. In der Nachspielzeit dann noch folgende Situation: Ein Gästespieler spielt den Ball an der Grundlinie entlang. In meinen Augen war der Ball dabei kurzzeitig im Aus, daher entschied ich auf Abstoß. Der Spieler war damit aber nicht einverstanden, nimmt den Ball in die Hand und schießt ihn weg. Ich zeige ihm also gelb. Doch während ich die Karte in die Höhe strecke fasst er die Karte an und zieht sie nach unten. Ich habe sie zum Glück gut festgehalten, so dass ich sie ihm gleich nochmal zeigen konnte, gefolgt von einer Andersfarbigen. Diese Aktion stellte dann den Schlusspunkt dar. Die Heimmannschaft drehte ein Spiel in der zweiten Halbzeit in Unterzahl. Zahlreiche Zuschauer der Gastmannschaft wollten mir auf dem Weg in die Kabine noch auf ihre Art für die Spielleitung danken, aber der Ordnerdienst waltete seines Amtes und so konnte ich mich nach diesem Spiel erstmal in der Kabine hinsetzen und einmal tief durchatmen. Übrigens kam der Spieler der mich in der ersten Halbzeit beleidigt hatte noch in die Kabine und entschuldigte sich. Zu allem Überfluss musste ich dann auch noch eine Stunde am Bahnhof warten, weil ich den Zug um 3 Minuten verpasste.


    Unterm Strich bin ich mit meiner Leistung eigentlich relativ zufrieden, wenngleich ich durch ein besseres Auftreten vielleicht von Anfang an noch mehr Respekt erhalten könnte. Zu großen Teilen war das Spiel auch nicht schwieriger als viele meiner Bisherigen. Aber die Elfmetersituation in der ersten Halbzeit sowie die heiße Schlussphase können einen Siebzehnjährigen wie mich doch schon in Situationen bringen, die eine gewisse Grenzwertigkeit aufweisen hinsichtlich der Frage, warum man sich das eigentlich antut. Dennoch denke ich, dass man gerade in solchen Spielen am meisten lernen kann, und deswegen werde ich auch versuchen, die bei mir selbst festgestellten Kritikpunkte zu minimieren.
    Den Zusatzbericht werde ich wohl erst morgen schreiben und eventuell dann auch mal mit in dieses Forum schreiben, schließlich wird das mein erster richtiger Sonderbericht.

    Spieler nach Schlusspfiff: "Danke Schiri, fast hätte ich gesagt "Gut gepfiffen!", aber jetzt haben wir doch noch verloren." :confused:

  • Gerade aus solchen Spielen, wo man richtig gefordert wird, lernt man. Dein Auftreten und deine Spielleitung solltest du dir mal in einem ruhigen Moment durch den Kopf gehen lassen und wichtige Einzelentscheidungen und ihre Auswirkungen auf den weiteren Spielverlauf analysieren. Daß du dazu in der Lage bist, zeigt dein ausführlicher Bericht. Schade finde ich, daß dein KSA in solch einem wichtigen Spiel bei deinem Alter keinen erfahrenen Kollegen zum Zuschauen geschickt hat. Wenn das nächste mal so ein Spiel ansteht, bemühe dich doch selbst darum, so daß du hinterher eine qualifizierte Rückmeldung bekommst.

    In einer Aktion prallten Grevelhörster und Gerick zusammen. Der FC-Stürmer blutete aus der Nase, aber Schiedsrichter Stefan Tendyck aus Gelsenkirchen konnte mit einem Taschentuch aushelfen. Gericks Torriecher wurde nicht in Mitleidenschaft gezogen: Er markierte das 1:3.


    Westfalen-Blatt (29.5.2017) :D

  • Alles richtig gemacht :top:, außer in der Szene zum Schluß:
    Wer bei :gelbe_karte: die Karte anfasst, bekommt m.E. nicht :gelbe_karte::rote_karte:, sondern :rote_karte:.

    "Der Klügere gibt nach! Eine traurige Wahrheit, sie begründet die Weltherrschaft der Dummheit."
    (Marie von Ebner-Eschenbach, österreichische Schriftstellerin, *1830 +1916)


    "Mancher ist für die Wahrheit, solang die Wahrheit für ihn ist."
    (Charles Tschopp, schweizer Schriftsteller, *1899 +1982)

  • Ich gebe Almiko ungerne Recht aber hier hat mal Recht!
    Wenn dich einer unsportlich anfasst ist das :rote_karte: und nichts anderes!

    Es gibt Leute, die denken Fußball ist eine Frage von Leben und Tod. Ich mag diese Einstellung nicht. Ich kann ihnen versichern, dass es noch sehr viel ernster ist. (Bill Shankly)

  • Schade, dass kein neutraler Beobachter dort anwesend war, um mit dir die Situationen und die Außenwirkung zu besprechen.


    Zitat von FCC1903;92718

    In diesem Bewusstsein nahm ich mir vor dem Spiel extra vor, besonders konsequent und kleinlich zu pfeifen.


    Setzt du dich dadurch nicht selbst unter Druck ?
    Es gehört zwar zur Spielvorbereitung dazu, sich im Vorfeld über den Tabellenstand zu informieren, aber ich gebe dir den Ratschlag mit,
    künftig die Spiele in den ersten 15minuten zu lesen, dort klare Anweisungen ggü. den Spielern zu geben und eine Messlatte zu legen.
    Wenn es die Spieler verstehen, hast du auch in solch einem Spiel Ruhe, kannst etwas die Zügel lockerer lassen, musst aber auch sofort erkennen, wenn sich das Spiel wendet und Härte ins Spiel kommt.


    Dann ist der gezielte Einsatz von Gelben Karten angesagt, die auch Wirkung zeigen.


    Trotzdem denke ich, dass dies eine sehr gute Erfahrung für dich war, auch
    in Extremsituationen einen klaren Kopf zu behalten.


    Mache weiter so :top:

    "Der Schlüssel zum Erfolg ist Kameradschaft und der Wille, alles für den anderen zu geben."
    - Fritz Walter († 17. Juni 2002)

  • Sagt sich zwar auf dem Schreibtischstuhl recht einfach, aber die 1. :rote_karte: hätte ich nicht über den Kapitän ausgesprochen. Hier bist Du ausgewichen und hast eine gewisse Schwäche gezeigt.
    Stehenbleiben, in ruhigen Ton den Spieler auffordern, Abstand zu halten. Meistens ist das nur eine Drohgebärde und der Spieler wird von seinen Mitspielern weggezogen.
    Wer meine Karte anfasst, geht mit glatt :rote_karte:

  • Zitat von SCHIRI-FT.de;92723

    ...
    Es gehört zwar zur Spielvorbereitung dazu, sich im Vorfeld über den Tabellenstand zu informieren, ...


    Ich persönlich schaue mir die Tabelle bewusst nicht an. Es kommt mir so vor, als würde ich die scheinbar schlechtere Mannschaft bevorteilen. Ich weiß leider selbst nicht, ob das stimmt... Bisher hat sich noch nie jemand beschwert, aber für mich selbst gehe ich lieber absolut neutral in jedes Spiel.





    @Threadersteller


    klingt gut. Hitziges Spiel, das doch gut verlaufen ist. Ich muss meinen Vorpostern recht geben, die 1. Rote hätte ich gezeigt. Bei der gelb/roten glaube ich, dass ich direkt Rot gezeigt hätte, wobei in meinen Augen beides zu vertreten ist.