Hallo zusammen,
ich lese hier schon länger mit und möchte heute selbst einmal meine Geschichte erzählen, weil mich das Thema Schiedsrichterei bis heute nicht loslässt.
Ich war von 2013 bis 2021 Schiedsrichter und habe dafür wirklich gebrannt. Nicht einfach nur als Hobby, sondern mit voller Leidenschaft. Fußball war für mich nie intensiver, als selbst auf dem Platz zu stehen, Verantwortung zu tragen, Entscheidungen zu treffen und Spiele zu leiten. Dieses Gefühl kann wahrscheinlich nur jemand verstehen, der selbst gepfiffen hat.
Ich habe mich Schritt für Schritt bis in die Bezirksliga hochgearbeitet. Mein großes Ziel war danach die Landesliga. Dafür habe ich extrem viel investiert: Zeit, Fitness, Verzicht, Wochenenden, Nerven. Ich war zuverlässig, ehrgeizig und nahezu immer verfügbar.
Drei Mal stand ich vor dem Aufstieg in die Landesliga und drei Mal hat es nicht gereicht.
Beim dritten Mal kam dann der Punkt, der mich innerlich komplett gebrochen hat.
Ein direkter Konkurrent von mir war fast die komplette Saison verletzt und hat kaum Spiele geleitet. Ich dagegen habe Woche für Woche Leistung gebracht und war sogar am letzten Spieltag in der Bezirksliga angesetzt. Er sollte ursprünglich ein Kreisliga-A-Spiel pfeifen.
Dann wurden plötzlich Spiele getauscht.
Der Hintergrund war offensichtlich: Für den Aufstieg musste man mindestens ein Bezirksliga-Spiel geleitet haben. Also bekam er kurzfristig dieses Spiel und stieg danach auf.
Und ehrlich gesagt hat mich das bis heute nie richtig losgelassen.
Nicht nur wegen des verpassten Aufstiegs, sondern wegen dieses Gefühls von Ohnmacht. Dieses Gefühl, dass all die Arbeit, all die Fahrten, all die Opfer am Ende vielleicht doch nicht entscheidend waren. Ich weiß noch genau, wie leer ich mich damals gefühlt habe. Ich bin nach außen ruhig geblieben, aber innerlich war ich einfach nur enttäuscht und verletzt.
Besonders bitter war für mich, dass dieser Kollege zwar selten auf dem Platz war, aber bei jedem Saufen und jedem Funktionärsabend präsent war. Irgendwann fragte ich mich ernsthaft, ob Beziehungen wichtiger sind als Leistung.
Ich habe danach meine Kritik geäußert. Emotional, ja, aber sachlich. Keine Beleidigungen, keine Eskalation. Ich wollte einfach nur fair behandelt werden und verstehen, warum solche Entscheidungen getroffen werden. Statt Antworten hatte ich irgendwann nur noch das Gefühl, abgestempelt worden zu sein.
Dazu kam noch etwas anderes:
Ich habe damals bereits bei der Polizei gearbeitet. Dadurch hatte ich vielleicht auch ein anderes Verständnis davon, wo Grenzen überschritten werden. Körperliche Angriffe auf Schiedsrichter habe ich nie einfach hingenommen. Ich wurde selbst attackiert und habe solche Vorfälle konsequent zur Anzeige gebracht.
Ich konnte und wollte das nie einfach hinnehmen.
Und selbst dafür musste ich mir Kritik anhören.
Teilweise hatte ich das Gefühl, dass von Schiedsrichtern erwartet wird, alles auszuhalten. Hauptsache, man macht kein „Theater“. Aber für mich war und ist klar: Niemand muss sich auf einem Fußballplatz bedrohen oder angreifen lassen.
Irgendwann war ich einfach nur noch enttäuscht und müde. Ich habe den Kreis gewechselt, wollte einen Neuanfang. Aber innerlich war die Leidenschaft nicht mehr die selbe. Nach einem weiteren Jahr habe ich dann freiwillig aufgehört.
Und seitdem fehlt etwas.
Viele sagen immer: „Dann such dir halt ein anderes Hobby.“ Aber jeder, der selbst Schiedsrichter war, weiß, dass das nicht einfach irgendein Hobby ist. Dieses Gefühl vor dem Anpfiff. Die Kabine. Die Spannung. Die Verantwortung. Das Adrenalin. Die Gespräche nach dem Spiel. Das alles fehlt mir bis heute extrem.
Mein Leben ist seitdem ehrlich gesagt nicht mehr dasselbe.
Es klingt vielleicht übertrieben für Außenstehende, aber das Pfeifen war ein Teil meiner Identität. Ich habe mich über Jahre darüber definiert. Wenn Samstag oder Sonntag war, hatte mein Leben Struktur, Spannung und Leidenschaft. Heute merke ich oft, wie sehr mir genau das fehlt. Manchmal denke ich noch an bestimmte Spiele, an schwierige Entscheidungen, an besondere Momente auf dem Platz. Und dann tut es weh zu wissen, dass das alles plötzlich vorbei war.
Heute bin ich älter, ruhiger und deutlich reifer als damals. Ich sehe manche Dinge inzwischen differenzierter. Aber die Liebe zur Schiedsrichterei ist nie weggegangen.
Deshalb möchte ich wieder anfangen.
Doch genau das scheint schwierig zu sein. Gespräche werden abgeblockt oder verlaufen im Sand. Und irgendwann fragt man sich automatisch, ob man überhaupt noch eine faire Chance bekommt oder ob alte Geschichten für immer an einem haften bleiben.
Was mich zusätzlich belastet:
Die Verantwortlichen weigern sich offenbar, mich wieder aufzunehmen, obwohl ich nie von der Schiedsrichterliste gestrichen wurde und gegen mich meines Wissens nach auch nie irgendeine offizielle Maßnahme verhängt wurde. Keine Sperre, kein Verfahren, nichts.
Und genau das verstehe ich nicht.
In unserer Schiedsrichterordnung finde ich nichts zu einem solchen Szenario. Deshalb frage ich mich ernsthaft, auf welcher Grundlage einem ehemaligen Schiedsrichter die Rückkehr dauerhaft verweigert werden kann, obwohl es keine offizielle Sanktion gab.
Ich möchte niemanden angreifen oder schlechtmachen. Ich suche einfach Fairness und eine ehrliche Chance.
Dabei will ich keinen Streit mehr. Ich will keine alten Rechnungen begleichen. Ich möchte einfach wieder pfeifen. Wieder Teil des Fußballs sein.
Was ich mich außerdem frage:
Muss es für solche Dinge nicht auch irgendwelche neutralen Überprüfungsmöglichkeiten geben? Vielleicht über das Sportgericht oder andere Stellen? Gerade wenn man das Gefühl hat, dass Entscheidungen nicht mehr objektiv sind oder persönliche Dinge eine Rolle spielen.
Und wie würdet ihr an meiner Stelle noch einmal das Gespräch suchen?
Noch einmal persönlich auf die Verantwortlichen zugehen? Einen langen sachlichen Brief schreiben? Oder irgendwann akzeptieren, dass manche Türen vielleicht dauerhaft geschlossen bleiben?
Ich würde mich wirklich über ehrliche Meinungen und Erfahrungen freuen.
Liebe Grüße und sorry für den Roman