Abseits und TW - Vorteil angenommen oder nicht?

  • Steilpass, der Angreifer, der zum Zeitpunkt des Abspiels im Abseits stand, sprintet in Richtung des Balles. Bevor er den Ball aber erreicht - er ist der einzige Spieler, der den hätte bekommen können -, nimmt der Torwart den Ball, der sich unterdessen in seinem Strafraum befindet, in die Hand. Der Schiedsrichter erwartet daher einen Vorteil und verzichtet auf den Abseitspfiff, um das Spiel zudem flüssig zu halten. Nun gibt der TW den Ball aber nicht frei und lässt die 8 Sekunden verstreichen ...


    Wäre es hier jetzt richtig, davon auszugehen, dass der Vorteil eingetreten ist, was gleichbedeutend mit dem Umstand wäre, dass es eine Pflicht gäbe, einen Vorteil zu nutzen, die sich aus dem Regelwerk aber nicht ableiten lässt? Nachdem die 8 Sekunden abgelaufen sind, ist es regeltechnisch zu spät für den Nachpfiff, der die Situation eigentlich retten könnte ... Oder muss der Schiri in einem solchen Fall bevor er das sichtbare Zählmanöver beginnt (da haben wir genau 3 Sekunden) gewissermaßen präventiv abpfeifen, weil nur bis dann ein Nachpfiff möglich ist?

  • Wenn der Angreifer der einzige Spieler ist, der denn Ball erreichen kann ... Aber ergänze das gerne um den Umstand, dass der TW den Ball nur ganz knapp vor dem Angreifer erreicht.

  • Er ist nicht der einzige Spieler, der den Ball erreichen kann, da eben der Torhüter noch da ist. Er hat das Recht, einen Gegenspieler anzugreifen, sobald dieser den Ball kontrolliert bzw. den Torhüter zwingen den Ball nach 8 Sekunden zu spielen.


    Wenn er natürlich vorher eine Art Zweikampf um den Ball mit dem Torhüter hatte, dann hätte man pfeifen können.


    Aber spätestens, wenn du den Torhüter anzählst, gibst du zu verstehen, dass es einen neue Spielsituation ist.

  • Ich möchte noch anmerken, dass tatsächlich sehr oft angepfiffen wird, wenn nur der Angreifer, der sich im Abseits befindet, Richtung Ball rennt, obwohl klar ist, dass der Torwart den Ball bekommt. Und kein Mensch würde das je in Frage stellen.


    Die Frage ist aber, ob das tatsächlich regelkonform ist. Denn faktisch liegt kein Vergehen vor, solange der Spieler nicht wirklich ins Spiel eingreift oder einen Gegenspieler bzw. den Torhüter regelwidrig beeinflusst. Auch die DFB-Anweisung sieht den rechtzeitigen Pfiff nur vor, wenn nur dieser Spieler den Ball auch bekommen würde.


    Denn nach meiner Auffassung hat jeder Spieler das Recht, sich in einer Abseitsstellung taktisch zu positionieren, um dann in der nächsten Spielsituation einen Vorteil zu haben, z. B. sich in Ballnähe zu befinden, sobald ein Gegenspieler den Ball kontrolliert. Wenn er sich natürlich schon in nahezu spielbarer Nähe des Balles befindet, würde ich eine derartige Aktion dann als Zweikampf auslegen, sobald der Verteidiger/Torwart den Ball kontrollieren will.

  • Dumm gelaufen:

    1. für den Problemsteller, denn da steht nirgends dass der SR das Anzählen angefangen hat.

    2. für den Torwart, weil durch sein Eingreifen die Abseitssituation aufgehoben ist (wäre ja bei einem Verteidiger, der den Ball wegschlägt genau so)

    3. für den SR, weil der jetzt verwirrt ist :flieh:

  • Dumm gelaufen:

    1. für den Problemsteller, denn da steht nirgends dass der SR das Anzählen angefangen hat.

    Wie wir in einer der letzten SR Zeitungen von Lutz gelernt haben, ist das Anzählen ein Service des SR, wenn er es vergißt oder zu spät anzählt, dann laufen die 8 Sekunden trotzdem.

  • Seit wann gibt es denn Vorteil bei Abseits? Ich kenne nur aktive und passive Angreifer im Abseits. Dementsprechend komme ich entweder zu dem Ergebnis, dass der anlaufende Stürmer dicht genug am Torwart ist, um ihn zu beeinflussen, oder eben nicht. Je nach Einschätzung gibt es also direkt den Freistoß für die Mannschaft des Torwarts oder ich lasse weiterspielen. Dann steht die Entscheidung aber unabhängig davon, ob der Torwart den Ball aufnimmt, dem Stürmer unbedrängt in die Füße spielt oder mit Ball am Fuß Mittagspause macht.

    Der Klügere gibt nach.


    Das erklärt, warum die Welt von den Dummen regiert wird.

  • Warum sollte des beim Abseits kein Vorteil geben? Stelle Dir mal vor, in der beschriebenen Situation berührt der Angreifer den Ball sogar, verliert ihn aber unmittelbar an den Torwart. Warum sollte ich hier jetzt zwingend unterbrechen und dem TW womöglich die Gelegenheit nehmen, mit einem weiten Abschlag einen Gegenangriff einzuleiten? Von der absolut unnötigen Spielunterbrechung ganz abgesehen ...

  • Wenn nur ein Stürmer, der im Abseits steht und der Torhüter an den Ball gelangen können, würde ich dir immer empfehlen, das Spiel frühzeitig zu unterbrechen. Die Chance, dass die beiden zusammenprallen ist durchaus gegeben und Verletzungsrisiko alles andere als tief. Wenn es dann tatsächlich zum Zusammenstoss kommt, sieht man extrem doof aus, wenn dann der Assistent mit der Fahne oben sagt, dass es dann Abseits war.


    Wenn der Torhüter den Ball, wie von dir beschrieben schon in der Hand hält, ist Play on aber sicher die bessere Entscheidung. Was er dann mit dem Ball macht, ist schlussendlich sein Problem.

  • Warum sollte des beim Abseits kein Vorteil geben? Stelle Dir mal vor, in der beschriebenen Situation berührt der Angreifer den Ball sogar, verliert ihn aber unmittelbar an den Torwart.

    In dem Fall denke ich tatsächlich, dass Pfiff, idF zwingend ist.

  • Natürlich gilt die Vorteilsregelung auch bei Abseits, weshalb sollte sie da ausgeschlossen sein?


    Wir sehen es doch oft, wenn der Assistent mit dem Zeichen wartet, bis der Angriff abgeschlossen ist. Hat dann der Torhüter den Ball unter Kontrolle pfeifen die wenigsten (guten) Schiedsrichter den Torwart zurück, der einen schnellen Gegenangriff einleiten möchte.

  • Warum sollte des beim Abseits kein Vorteil geben?


    Natürlich gilt die Vorteilsregelung auch bei Abseits, weshalb sollte sie da ausgeschlossen sein?

    Weil in Regel 11 nichts von Vorteil steht. Dass das in der Praxis oft anders praktiziert wird, ist klar. Aber regeltechnisch sollte eine Berührung des Balles durch einen im Abseits stehenden Stürmer immer den indirekten Freistoß zur Folge haben. So wie jeder Auswechselspieler zu verwarnen ist, der auf der Seitenlinie wartet, bis sein Wechselpartner vom Feld gegangen ist. So wie jeder Einwurf falsch ist, der nicht exakt an der Stelle ausgeführt wird, wo der Ball das Feld verlassen hat. So wie der Schiedsrichter die Nachspielzeit nicht verlängern darf, wenn der Stürmer den Torwart bereits ausgespielt hat und unbedrängt mit Ball am Fuß 2 Meter vor dem leeren Tor steht...

    Der Klügere gibt nach.


    Das erklärt, warum die Welt von den Dummen regiert wird.

  • Weil in Regel 11 nichts von Vorteil steht.

    Muss es auch nicht. Dafür gibt es ja die Regel 5.3 und die schließt die Vorteilsregelung bei keinem Vergehen aus (solange das Spiel natürlich nicht unterbrochen ist, was beim Wechselvorgang der Fall ist). Und laut IFAB ist selbst bei einem falschen Einwurf die Vorteilsregelung möglich, wenn der Ball direkt ins Spielfeld geworfen wird. Also weshalb beim Abseits nicht?


    Theoretisch ist auch der Abstoß besser, wenn der Angreifer aus einer Abseitspostition knapp vor dem Tor den Ball ins Toraus befördert, da beim Abstoß im Gegensatz zum idF dann Abseits aufgehoben ist.

  • Weil in Regel 11 nichts von Vorteil steht. Dass das in der Praxis oft anders praktiziert wird, ist klar. Aber regeltechnisch sollte eine Berührung des Balles durch einen im Abseits stehenden Stürmer immer den indirekten Freistoß zur Folge haben. So wie jeder Auswechselspieler zu verwarnen ist, der auf der Seitenlinie wartet, bis sein Wechselpartner vom Feld gegangen ist. So wie jeder Einwurf falsch ist, der nicht exakt an der Stelle ausgeführt wird, wo der Ball das Feld verlassen hat. So wie der Schiedsrichter die Nachspielzeit nicht verlängern darf, wenn der Stürmer den Torwart bereits ausgespielt hat und unbedrängt mit Ball am Fuß 2 Meter vor dem leeren Tor steht...

    Wo steht dann in Regel 12 etwas von Vorteil?

  • Weil in Regel 11 nichts von Vorteil steht. Dass das in der Praxis oft anders praktiziert wird, ist klar. Aber regeltechnisch sollte eine Berührung des Balles durch einen im Abseits stehenden Stürmer immer den indirekten Freistoß zur Folge haben.

    Nein, falsch. Natürlich darf der SR hier auf Vorteil entscheiden und keineswegs muss ein stafbares Abseits zwingend zu einem idF führen, auch nicht in der Theorie.


    So wie jeder Auswechselspieler zu verwarnen ist, der auf der Seitenlinie wartet, bis sein Wechselpartner vom Feld gegangen ist. So wie jeder Einwurf falsch ist, der nicht exakt an der Stelle ausgeführt wird, wo der Ball das Feld verlassen hat.

    Das ist richtig, hat mit der Vorteilsauslegung beim Abseits aber nichts zu tun.


    So wie der Schiedsrichter die Nachspielzeit nicht verlängern darf, wenn der Stürmer den Torwart bereits ausgespielt hat und unbedrängt mit Ball am Fuß 2 Meter vor dem leeren Tor steht...

    Das ist wieder falsch, die Nachspielzeit ist eine Mindestnachspielzeit und sehr wohl darf der Schiedsrichter diese spielsituationsbedingt verlängern, insbesondere wenn es hier um sehr wenige Sekunden geht. Nicht nur in der Praxis, auch in der Theorie.

  • Ich denke, dass es jetzt außer Diskussion steht, dass man selbstverständlich auch bei einem Abseitsvergehen auf Vorteil entscheiden darf und der Angreifer keinen Anspruch auf einen diF gegen sich hat, um das Spiel zu verlangsamen.


    Die eigentliche Frage ist noch, ob bzw. unter welchen Voraussetzungen überhaupt ein Abseitsvergehen vorliegt, wenn sich ein Angreifer Richtung Ball bewegt. Er muss eingreifen oder den Torhüter im Sinne der Regel 11 „beeinflussen“. Macht er das überhaupt?

  • Wir sehen es doch oft, wenn der Assistent mit dem Zeichen wartet, bis der Angriff abgeschlossen ist. Hat dann der Torhüter den Ball unter Kontrolle pfeifen die wenigsten (guten) Schiedsrichter den Torwart zurück, der einen schnellen Gegenangriff einleiten möchte.

    Ich halte es mit meinen Assistenten so, dass sie eine Hand heben, dann sieht jeder es war Abseits, aber wenn ich den Vorteil anwende (um z.B. dem TW einen schnellen Abschlag zu ermöglichen), verzichte ich natürl. auf den Abseitspfiff - natürlich bloß in den Situationen, wo es Sinn macht! ;)

  • Die eigentliche Frage ist noch, ob bzw. unter welchen Voraussetzungen überhaupt ein Abseitsvergehen vorliegt, wenn sich ein Angreifer Richtung Ball bewegt. Er muss eingreifen oder den Torhüter im Sinne der Regel 11 „beeinflussen“.

    Für mich ist die eigentliche Frage, dass wir ein regeltechnisches Abseitsvergehen haben - ob nun nur aus dem Umstand, dass es sich um den einzigen Spieler handelt, der eingreifen kann, oder bereits ein tatsächlicher Eingriff geschweige denn ein Ballkontakt vorliegt, ist einerlei. Fakt: Abseits im Sinne der Regel.


    Und jetzt hat der Torwart den Ball, ob nun zuerst erreicht oder als Abpraller bekommen, einerlei.


    Genau jetzt ist aber die Frage: Handelt es sich durch die Ballkontrolle des Torwartes, das wurde in der Diskussion erwähnt, tatsächlich um eine neue Spielsituation? Dann wäre der Rest meiner Überlegungen entbehrlich. Aber wenn nicht, dann bliebe tatsächlich offen, wie mit dem Fall umzugehen ist, wenn der TW den Ball nicht rechtzeitig freigibt?