Sinn von Gelbsperren

  • Aufgrund der aktuellen Ereignisse beim letzten Champions League Spiel der Bayern und den gelben Karten für Kimmich und Olise, die zu „unglücklichen“ Sperren im alles entscheidenden Rückspiel führen, entfachen wieder die Diskussionen, ob das clever oder unsportlich ist.


    Abgesehen davon, dass man ohne Geständnisse wohl ohnehin kaum Vorsatz nachweisen kann, stelle ich das Konzept der Gelbsperren grundsätzlich in Frage.


    Natürlich möchte man, dass die Spieler fairer agieren, aber hilft die Sperre als Abschreckung wirklich? Sollten nicht besser auch persönliche Strafen sofort da wirksam sein, wo sie passieren, nämlich dem aktuellen Spiel?


    Durch die Sperre wird der nächste Gegner bevorteilt und nicht der, der durch ein rücksichtsloses Foulspiel einen verletzten Spieler bekommen hat oder durch ein taktisches Foulspiel um eine mögliche Torchance beraubt wurde.


    Dann haben wir den Faktor Schiedsrichter. Team A hat Glück, einen großzügigen Spieloffiziellen zu bekommen, während Team B einen „Kartenspieler“ bekommt. Manchmal entscheidet auch der Spielcharakter, wie Vergehen geahndet werden.


    Wie auch immer, verzerren die Gelbsperren den Wettbewerb gerade bei Turnieren, bei denen schon die zweite zur Sperre führt.


    Ich weiß zwar nicht wie, aber Unsportlichkeiten sollten unmittelbar im selben Spieler härter bestraft werden, aber eben keine Auswirkung auf das nächste haben.

  • Dem würde ich nur teilweise zustimmen. Kurz gesagt: wenn gelbe Karten nicht zu Spielsperren führen, verlieren sie mit fortlaufendem Spiel an Bedeutung und insbesondere in der Schlussphase ist es quasi kostenfrei, sich eine gelbe Karte abzuholen, und somit hat jeder noch nicht verwarnte Spieler einen Schuss für Zeitspiel und andere Unsportlichkeiten frei.


    Der FSA / Sachsen-Anhalt war einer der ersten Verbände, der Spielsperren nach gelb-roten und auch nach gelben Karten bis tief in den Amateurbereich eingeführt hat. Die Wirkung dieser Karten gerade für Schiedsrichter war immens, plötzlich konnten Spieler in den letzten Minuten eines Spiels nämlich nicht mehr kostenfrei Unsportlichkeiten begehen. Was ist schon eine gelbe Karte in der 85. wegen Zeitspiels oder eine GRK in der 90.+4? Dass Spieler eine GRK sehen konnten und trotzdem im nächsten Spiel spielberechtigt waren, ist im FSA schon seit vielen Jahren völlig undenkbar, spätestens seit dem SBO, während viele andere LVs erst langsam nachgezogen haben.


    So ganz verschwunden sind kostenfreie gelbe Karten damit natürlich noch nicht: der letzte Spieltag eines Wettbewerbs oder bei einem vermeintlich sicherem Rückspiel wie im diskutierten Fall. Aber gerade das zeigt wie wirksam diese Regelung an sich ist: nur weil es jetzt mal eine eher seltene Situation gab, in der sich Spieler taktisch gelbe Karten holen konnten, wird darüber diskutiert. Schafft man Gelbsperren ab, wird das der Normalfall.


    Gibt's in unteren Ligen natürlich auch häufiger; wenn die Oma nächste Woche Geburtstag hat und der Spieler daher das nächste Spiel terminbedingt verpassen wird, holt der Spieler mit 4 GKs sich halt vorher gewollt die fünfte ab. Finde ich jetzt nicht weiter dramatisch.

  • Nach der Argumentation könnte man auch Spielsperren nach roten Karten abschaffen. Natürlich gibt es gelbe Karten, die in einer Grauzone liegen, wo es auch auf die Spielleitung darauf an kommt. Aber die meisten gelben Karten lassen sich an mehr oder weniger eindeutigen Fakten festlegen (SPA, DOGSO im Strafraum im Kampf um den Ball, Stamp on foot, trailing leg, etc). Gerade in höheren Ligen, wo auch von den Verbänden sehr klare Weisungen kommen, wo verwarnt werden soll und wo nicht, und die Schiedsrichter selbst natürlich sehr gut performen, haben Gelbsperren meimer Meinung nacv keinen einen verzerrenden Effekt, wie hier beschrieben wurde. Und wenn dann ist dieser nicht grösser, als es eine unterschiedlich hohe Foullinie sein könnte. Diese könnte Mannschaft A voll in Karten spielen, während Mannschaft B Schwierigkeiten hat damit. Das gehört zum Sport. Unsportlichkeiten sind jedoch zu ahnden und Gelbsperren sind da in meinen Augen ein super Mittel um, wie von zettelbox beschrieben, Vergehen mit disziplinarischen Sanktionem, die kaum einen Einfluss auf das laufende Spiel mehr haben werden, zu ahnden, trotzdem noch adäquat zu bestrafen. Am Schluss liegt (fast) jeder gelben Karte eine unsportlichkeit zuvor. Jeder Spieler hat es selbst in der Hand, diese zu vermeiden und jedem Spieler ist bewusst, wenn ihm eine Gelbsperre droht. Daher würde ich wenig von der Abschaffung der Gelbsperre halten, da mir zudem keine Alternative einfällt.

  • Ich weiß auch nicht, wie man Unsportlichkeiten so sanktioniert, dass sie unmittelbar härter sind. Und ja, gegen Ende eines Spiels sind gelbe Karten oft nahezu unbedeutend.


    Ohne wirklich zu Ende zu denken, könnte ich mir z. B. vorstellen:


    - Nach jeder 3. oder 4. gelben Karte des Teams muss ein Spieler das Feld verlassen (Sperre nur wenn es die zweite des Spielers war). Dann überlegt man es sich vielleicht doch, sich „seine“ abzuholen oder gar von der Bank aus als Trainer unsportlich zu agieren.


    - Nach jeder gelben Karte innerhalb der letzen 15 Minuten muss der Spieler sofort das Feld verlassen (Sperre nur wenn es die zweite des Spielers war). Mit 2 oder 3 Spielern in Unterzahl lässt sich kaum ein knappes Ergebnis mehr verteidigen und bei zu viel „Verlusten“ droht gar der Spielabbruch.


    - Nach jedem taktischen Foul gibt es den direkten Freistoß an einer frei wählbaren Stelle im Teilkreis vor dem Strafraum, egal wo das Foulspiel war. Ein taktisches Foul im Mittelfeld wäre selten lohnenswerter als der direkte Freistoß kur vor dem Strafraum. Und wenn dann automatisch noch die letzten Minuten in Unterzahl drohen, dann erst recht nicht.


    Ohne jetzt ins letzte Detail zu gehen, Möglichkeiten gibt es.

  • Ja, Möglichkeiten gibt es, aber sucht hier gerade eine potenzielle Lösung ein Problem? Ich sehe zumindest deutlich mehr potenzielle Nachteile in deinen Vorschlägen als ich sie in den bisherigen Gelbsperren sehe (auch wenn die Regeln im Detail bei Wettbewerben mit wenigen Spielen überdenkenswert sind).


    Aber Alternativen hätten halt potenziell großen Einfluss auf die Dynamik des Spiels und ich bin mir nicht sicher, ob wir da wirklich dran müssen.

  • Die gelbe Karte als Urlaubsantrag: Warum wir den moralischen Zeigefinger stecken lassen sollten

    Man muss die Aufregung im deutschen Fußball-Feuilleton ja fast schon bewundern. Da holt sich Joshua Kimmich – unser aller Musterknabe des gepflegten Mittelfeld-Geplänkels – die fünfte Gelbe Karte ab, und die Republik diskutiert, als hätte er gerade das Grundgesetz geschreddert.

    Der Vorwurf wiegt schwer: Strategisches Foulspiel! Kalkulierte Sperre! Eine Frechheit, finden die Tugendwächter in den Sportredaktionen. Ich finde: Es ist eine der letzten Bastionen der praktischen Vernunft.


    Die weiße Weste des Profis

    Alle Jahre wieder – es ist ein bizarres Ritual – entdecken wir schockiert, dass Profisportler rechnen können. Dass man die Zwangspause lieber gegen einen schlagbaren Gegner absitzt, um danach mit „weißer Weste“ in die entscheidenden Partien zu gehen, gilt in Kreisen, in denen man „Fairplay“ für eine Naturkonstante hält, bereits als moralischer Sittenverfall.

    Dabei ist das Phänomen so alt wie die Regel selbst. Kimmich ist ja nur deshalb das Gesicht der Debatte, weil er im hellen Scheinwerferlicht der Allianz Arena steht. Würden wir den Blick ein wenig senken, dorthin, wo der Fußball noch ehrlich und der Rasen ungemäht ist, sähen wir die nackte Wahrheit.


    Mallorca ist nur einmal im Jahr

    In der Kreisklasse gehört das taktische Gelb zum guten Ton wie das Kaltgetränk nach dem Abpfiff. Ich habe es selbst erlebt: Da wird in der Halbzeitpause kurz überschlagen, ob man gegen den Tabellenletzten wirklich auf dem Platz stehen muss, wenn zeitgleich der Billigflieger nach Palma abhebt. „Ich hol mir kurz vor Schluss noch Gelb, bin nächste Woche eh auf Malle“ – das ist kein Skandal, das ist effiziente Freizeitgestaltung.


    Die Sehnsucht nach dem Überwachungsstaat

    Was ist nun die Konsequenz der Empörten? Natürlich der Ruf nach dem Schiedsrichter als Ersatz-Ethikrat. Man will den Unparteiischen nun auch noch aufbürden, die Absicht hinter einem Foul zu bewerten. Als ob die armen Kerle nicht schon genug damit zu tun hätten, im VAR-Chaos ihre Würde zu bewahren.

    Es ist die typisch deutsche Krankheit: Wo immer eine Regel existiert, suchen wir nach Wegen, sie bis zur Grenze auszureizen – und sofort danach rufen wir nach einer neuen Regel, um genau das zu verhindern. Wir schießen hier mit Kanonen auf Spatzen. Angesichts der tausenden Spiele, die jedes Wochenende klaglos über die Bühne gehen, ist die „freiwillige Enthaltsamkeit“ einiger weniger Strategen statistisches Rauschen.

    Lassen wir den Spielern doch ihre kleinen Fluchten. Wer in einer Welt der totalen Optimierung noch die Chuzpe besitzt, sich für einen freien Samstag eine Verwarnung abzuholen, der hat eigentlich keinen Platzverweis verdient, sondern ein Glas Champagner.

  • Hier kommt ja sogar noch dazu, dass der Gegner Atalanta Bergamo von der Gelbsperre profitiert, weil sie auch der Gegner im nächsten Spiel sind.


    Generell finde ich eher das Problem, dass es so vermeintlich unbedeutende Spiele gibt, dass man dort gerne gesperrt ist.


    Interessant finde ich noch, wie man als SR damit umgehen sollte, wenn einem der Spieler aktiv mitteilt, dass er gerne eine Gelbe Karte in dem Spiel haben möchte.

  • Interessant finde ich noch, wie man als SR damit umgehen sollte, wenn einem der Spieler aktiv mitteilt, dass er gerne eine Gelbe Karte in dem Spiel haben möchte.

    Das ist doch eine Vorlage dafür, dass der SR ihm dann sogar die Möglichkeit gibt gleich zwei gelbe Karten zu bekommen. :)

  • Interessant finde ich noch, wie man als SR damit umgehen sollte, wenn einem der Spieler aktiv mitteilt, dass er gerne eine Gelbe Karte in dem Spiel haben möchte.

    Die Diskussion habe ich schon ein paar Mal geführt.

    Problemlos kann man das als Unsportlichkeit werten, dafür dann die gelbe Karte zu zeigen fühlt sich aber außerordentlich falsch an :cool:

    Einzelne Kollegen haben hier auch schon (in der Theorie) versucht, Begründungen für glatt rote Karten zu konstruieren, dem stimme ich aber absolut nicht zu.

    Meiner Meinung nach ist die eleganteste Lösung ein flotter Spruch, und entweder ist der Spieler dann smart genug oder eben nicht.


    Unvergessen in einem Spiel im hohen Amateurbereich, ich war als SRA dabei, als ein Spieler dies ebenfalls dem SR mitgeteilt hat und dieser meinte dann zum Spieler, er müsste ihm schon einen Grund für die gelbe Karte geben. Und anstatt weise aus dem großen Blumenstrauß der "freundlichen Unsportlichkeiten" zu wählen, setzt der Spieler in der nächsten Aktion zu einer der heftigsten Blutgrätschen an, die ich je erlebt habe, und schaute dann wie ein bemitleidenswerter begossener Pudel einer roten Karte entgegen. Tragikkomödien auf dem Fußballpatz ...

    Das ist doch eine Vorlage dafür, dass der SR ihm dann sogar die Möglichkeit gibt gleich zwei gelbe Karten zu bekommen. :)

    Auch da müsstest du aber ganz schön herumkonstruieren, um da irgendeine Begründung für finden zu können, oder wo siehst du darin zwei Vergehen in Tatmehrheit?

  • Auch da müsstest du aber ganz schön herumkonstruieren, um da irgendeine Begründung für finden zu können, oder wo siehst du darin zwei Vergehen in Tatmehrheit?

    Das war natürlich eher als Spaß anzusehen. Natürlich benötigt man dann zwei Vergehen, allerdings ist der Graubereich dann schnell sehr hellgrau ;). Sprich, wenn er sich nach sein Wunschverwarnung nicht sofort auswechseln lässt, dann sollte er möglichst in keinen Zweikampf mehr gehen und keinen Pieps mehr von sich geben.

  • Kurz gesagt: wenn gelbe Karten nicht zu Spielsperren führen, verlieren sie mit fortlaufendem Spiel an Bedeutung und insbesondere in der Schlussphase ist es quasi kostenfrei, sich eine gelbe Karte abzuholen, und somit hat jeder noch nicht verwarnte Spieler einen Schuss für Zeitspiel und andere Unsportlichkeiten frei.

    Dem stimme ich zu - und ergänze es um den für meine Begriffe wichtigsten Punkt:
    Gerade in der Schlussphase ist ohne weitere Spielsperren auch ein taktisches Foul, was womöglich spielentscheidend sein kann, jenseits des Freistoßes folgenlos, also nicht nur Zeitspiel und andere Unsportlichkeiten.


    Und bezogen auf Kimmich und Co.:
    Natürlich gibt es die Möglichkeit, sich zielgerichtet eine fünfte Verwarnung abzuholen - allerdings ist das irgendwie wie beim Handspiel, wie soll ich als Schiri wissen, was Absicht ist? Klar, oft kann man das erahnen, aber wissen? Letztlich bleiben immer Momente, die einen nicht befriedigen, das gibt es an anderen Stellen im Regelwerk aber auch, was nutzen Freistoß und Rote Karte in der Schlussminute, wenn dadurch das sichere Gegentor verhindert wird - zumindest, was ja nicht selten ist, wenn der Freistoß nicht verwandelt wird? Und ich ergänze: So ein Kalkül kann gerade im konkreten Fall auch furchtbar schief gehen, denn was ist, wenn wider Erwarten die nächste Runde doch nicht erreicht wird?

  • Gerade in der Schlussphase ist ohne weitere Spielsperren auch ein taktisches Foul, was womöglich spielentscheidend sein kann, jenseits des Freistoßes folgenlos, also nicht nur Zeitspiel und andere Unsportlichkeiten.

    Naja, wie oft schreckt den eine mögliche Gelbsperre die Spieler genau dann wirklich davon ab, das wichtige taktische Fouls zu begehen? Nicht einmal Ballack hat das im WM-Halbfinale 2002 davon abgehalten. Den Koreanern hat es nichts gebracht, sondern nur den Brasilianern.


    Daher sollte jedes taktische Foul mit idF aus 16 - 20 m vor dem Tor führen.

  • Ich denke das mit dem Zeitspiel könnte man (natürlich nur mit entsprechenden Regeländerungen) denke ich durch einen "weniger ist mehr"-Ansatz sinnvoll lösen.


    Aktuell geht es ja darum auch andere Spielfortsetzungen mit einem Countdown auszuzählen.

    Der Gedanke, den ich jetzt hatte war, dass man einen solchen auslaufenden Countdown einfach nicht mehr als Unsportlichkeit begelbt sondern stattdessen einfach sagt "Zeit ist um, äquivalente Spielfortsetzung in die andere Richtung, Zeit wird nachgespielt". (Und Edit: Das scheint wohl auch so umgesetzt zu werden mit Ausnahme der Freistöße)


    Das trifft härter als die drei gelben Karten, die sich Torwart, Libero und Innenverteidiger nacheinander am 5er abholen, bevor sich der Mittelstürmer erbarmt den Ball so mit dem Fuß zu spielen, dass er sich eindeutig bewegt. Vor allem löst es noch ein anderes Problem: Wem gibt man eigentlich die Karte, wenn sich gar kein Spieler (oder auch mehrere Spieler uneindeutig wer genau) anschickt die Spielfortsetzung auszuführen?

  • Interessant finde ich noch, wie man als SR damit umgehen sollte, wenn einem der Spieler aktiv mitteilt, dass er gerne eine Gelbe Karte in dem Spiel haben möchte.

    Kann man doch problemlos im Spielbericht unter besondere Vorkommnisse (heißt doch so oder?) eintragen wenn man möchte.

    Damit hätte man dann den Zeugenbeweis, dass der Spieler das absichtlich gemacht hat und Ligaleitung kann dann damit machen was sie will.

    Bin kein Schiedsrichter, nur ein Spieler Trainer (wieder) Spieler  Irgendjemand Alt-Herren Spieler der sich für die Regeln seines Sports interessiert