Die unscheinbare disziplinarische Massnahme - Die Ermahnung

  • Zu Beginn meiner (immer noch sehr jungen) Schiedsrichterkarriere, hatte ich extrem Mühe mit Ermahnungen. Wann ermahne ich, warum ermahne ich und wie ermahne ich, waren alles Fragen, die ich mir selbst stellte, aber lange keine klare Antworten darauf fande. Da ich nun über etwas mehr Erfahrung verfüge und mir ein Konzept erarbeitet habe, möchte ich hier das Thema insbesondere den etwas neueren etwas näher bringen. Möglicherweise kann auch der eine oder andere etwas erfahrener Hase etwas dazu lernen.


    Grundsätzlich gilt: Die Ermahnung ist eine disziplinarische Massnahme. Ein Spieler kann (oder sollte zumindest) NICHT 5 mal im gleichen Spiel ermahnt werden. Die Ermahnung kommt im EVA-Prinzip (Ermahnung -> Verwarnung -> Ausschluss) an erster Stelle. Was das E jedoch vom V und A unterscheidet, ist dass es einerseits nicht optisch mit eriner Karte signalisiert wird und anderseits für die ganze Mannschaft gelten kann.
    Wenn wir zwei Spieler vor der Ausführung eines Eckstosses ermahnen, da sie die Umarmung nach dem Spiel etwas vorgezogen haben, sagt uns niemand etwas, wenn nach der Ausführung ein anderer Spieler seinen Gegner zu boden zieht und er darauf hin die gelbe Karte anschauen darf.


    Wann können wir dann ermahnen?
    Grundsätzlich immer. Eine Ermahnung, soll das Fehlverhalten eines oder gleich mehrer Spieler frühzeitig unterbinden, um die Akzeptanz auf dem Platz zu stärken und für den Rapport relevante Massnahmen zu verhindern. WICHTIG: Eine zwingende Verwahrnung darf NIE, zu einer Ermahnung reduziert werden. Ein SPA ist auch dann zwingend gelb, wenn es in der 1. Minute passiert. Ermahnungen eigenen sich für Vergehen in der Grauzone, oder wenn sie persistent sind.


    Wie ermahne ich?
    Grundsätzlich gibt es zwei Arten der Ermahnung: Es gibt public warnings und es gibt private warnings. Worin sie sich unterscheiden, ist anhand des Namens offensichtlich. Wann es welche Art braucht, ist jedoch schwierig schwarz auf weiss festzuhalten. Es kommt nämlich immer auf das Vergehen und den Spieler spezifisch an. Da bekommt man mit der Zeit ein Gespür dafür. Einzig bei Reklamationen ist es relativ klar: Reklamiert ein Spieler bei mir privat, ermahne ich ihn auch privat. Ein public warning wäre da einfach nicht passend. Reklammiert der Spieler jedoch so, dass es von aussen sicht- und/oder hörbar ist, dann muss ich auch die Ermahnung public machen. Uns muss bewusst sein, dass wir mit einem public warning auf eine Bühne steigen, alle Augen sind dann auf uns gerichtet. Wenn man sich das vor Augen hält, fällt es einem etwas leichter zu erahnen, wann es was braucht.

    Private Warnings sind vom Konzept her sehr einfach. Es reicht dem Spieler im Vorbeigehen zu sagen: 'Hey, ich hab das gesehen, lass das sein.' Es gibt noch zig andere Sprüche, die man anwenden kann. Bei längeren Unterbrechungen, können es auch mal 2, 3 Sätze mer sein. Jedoch sollte eine Ermahnung (egal ob private oder public) kein Vortrag sein. Als Faustregel empfehle ich euch höchstens 10 - 15 Sekunden. Weniger ist da tatsächlich mehr.

    Etwas komplizierter verläuft es, wenn die Ermahnung gegen aussen sichtbar sein muss. Hier arbeite ich mit folgendem Konzept:
    Als erstes wird die Spielfortsetzung per Doppelpfiff unterbunden. Danach wird der Spieler isoliert. Das heisst ich begebe mich mit ihn in einen Raum, in dem sich nur er und ich befinden. Hat ein anderer Spieler das Gefühl, er muss auch noch etwas sagen oder einfach nur zuhöhren wird der weggeschickt. Das gilt insbesondere für den Captain, da der immer das Gefühl hat, dass er noch einen Beitrag zu leisten hat. Hat er nicht und das dürft ihr ihm auch klar machen. Je nach dem, wie die Ermahnung wirken soll, kann man den Fehlbaren Spieler zu sich holen, man kann sich an einem neutralen Ort treffen, oder man geht auf ihn zu. Zitiere ich den Spieler zu mir, komme ich sehr autoritär rüber, das braucht es manchmal, jedoch sind da Machtspiele vorprogrammiert.
    Wenn ich den Spieler nun bei mir habe ist auch die Distanz und die relative Position zu ihm relevant. Wenn ich ihn seitlich direkt neben mir habe, mache ich auf ihn einen sehr kollegialen Eindruck, das kann situativ sehr hilfreich sein. Habe ich ihn frontal vor mir komme ich wieder autoritärer rüber. Auch hier: je weiter weg er dabei steht desto autoritärer wirke ich.

    Zwei wichtige Punkte, die besonders bei public warnings gelten:
    Eine Ermahnung ist ein Monolog, kein Dialog. Wenn der Spieler das Gefühl hat, er müsse diskutieren, unterbindet das unbedingt sofort. Sorgt dafür, dass der Spieler euch zuhört. Die Schuhe kann er sich nachher binden, sobald ich fertig bin, er bückt sich nicht, wenn ich mit ihm spreche. Und da sind wir beim nächsten Punkt: Ich entscheide, wann die Ermahnung fertig ist. Wenn der Spieler das Gefühl hat, er habe schon verstanden und läuft deshalb davon, gibt es halt den Doppelpfiff, 'Hey komm mal zurück, ich war noch nicht fertig. Wenn ich mit dir spreche, dann hörst du mir zu und läufst nicht einfach davon. Das hat mit Respekt zu tun.' Wenn ich fertig bin, sage ich ihm das und fordere ihn auf zu gehen. Unterbindet auch hier machtspiele. Der Spieler geht zuerst oder zumindest gleichzeitig, wie ihr. Verlasse ich den Ort zuerst unterwerfe ich mich ihm, das ist nicht die Idee.


    Was ich jetzt hier beschrieben habe, ist nicht die einzig richtige Methode. Es ist den Weg, den ich mir erarbeitet habe, gemeinsam mit Tipps von Schiedsrichtern, die teilweise bis in die 3. höchste Schweizer Liga pfeiffen. Wichtig ist für euch vor allem folgendes:

    1. Seid euch bewusst, dass die Ermahnung auch eine disziplinarische Strafe ist.
    2. Unterscheidet bewusst zwischen Public und Private Warning und setzt sie entsprechend ein.
    3. Erarbeitet euch ein klares Konzept, woran ihr euch klar orientiert. (Dieses darf auch scheitern, passt es dann selbstverständlich mit der Zeit nach Bedarf an)
  • Nun, die öffentliche Ermahnung kennt zwei Varianten - und Du erwähnst nur die, die eigentlich der privaten Ermahnung sehr ähnlich ist, und nur durch die auffällige Separierung auffällig wird. Es gibt aber auch die "vollöffentliche" Ermahnung, da geht - bewusst und gewollt - ein entsprechend, jedoch zum Sachverhalt passender - lauter Ruf, der die Ermahnung beinhaltet, über den Platz. Der gewollte Nebeneffekt ist, dass sich womöglich nicht nur der/die ermahnte(n) Spieler angesprochen fühlen, sondern "jeder" auf und - wichtig - um den Platz mitbekommt (EVA-Prinzip), dass es hier eine Ermahnung gab, entsprechend gibt es mehr Akzeptanz und Verständnis, wenn dann eine persönliche Strafe folgt, des Öfteren hört man auch "Der Schiri hat Dir das doch gesagt.".


    Von einem festen Konzept halte ich wenig, das muss situativ erfolgen und resultiert aus der Erfahrung. Wichtiger ist aber: Denkt an die unterschiedlichen Spielertypen, für den einen Spieler reicht es völlig, dem quasi etwas zuzuflüstern, mehr verträgt der nicht, mehr ist aber auch nicht notwendig, während der andere selbst einen lauten Zuruf dezent ignoriert.

    Fußball ist die schönste Nebensache der Welt.

    Einmal editiert, zuletzt von Manfred ()

  • So gut und so richtig die Beiträge von TimBalsiger und Manfred auch sind, es muß darauf geachtet werden, daß sich hier nicht eine neue "gefühlte" Regel durchsetzt.


    Dazu mein durchaus ernst gemeinter Kommentar, den man immer in seine Überlegung mit einbeziehen sollte.

    Die neue Regelkunde: Einmal Grätschen ist Menschenrecht

    Man muss die psychologische Raffinesse des modernen Amateursportlers bewundern. In den Köpfen unserer Freizeit-Athleten hat sich eine Rechtsauffassung festgesetzt, die man sonst nur aus dem Berliner Mietrecht oder den Sitzungen des grünen Bundesvorstands kennt: Das Recht auf den ersten Straffreien Fehltritt.


    Es ist das Dogma vom „einen Schuss frei“. Sobald der Schiedsrichter die Gelbe Karte zückt, folgt der obligatorische Blick tiefster moralischer Kränkung, garniert mit dem Satz: „Schiri, das war doch erst mein erstes Foul!“


    Was wir hier sehen, ist die totale Infantilisierung des Spielfelds. Die Ermahnung wird nicht mehr als großzügige Geste eines souveränen Spielleiters verstanden, sondern als einklagbarer Rechtsanspruch auf eine Gratis-Unverschämtheit. Man möchte fast fragen, ob der Spieler demnächst eine schriftliche Begründung in dreifacher Ausfertigung verlangt, warum seine Grätsche auf Knöchelhöhe nicht mehr unter die Rubrik „pädagogisches Erstgespräch“ fällt.


    Natürlich faseln wir alle gerne vom „ausgewogenen Maß“. Das klingt nach Mäßigung, nach Vernunft, nach alter Schule. Aber seien wir ehrlich: In einer Zeit, in der jeder zweite Innenverteidiger seine Regelkenntnis aus YouTube-Tutorials und dem Beschwerdemanagement von Amazon bezieht, braucht der Schiedsrichter weniger „Fingerspitzengefühl“ und mehr die kühle Entschlossenheit eines preußischen Rechnungsprüfers.


    Erfahrung ist eben das, was man hat, kurz nachdem man sie gebraucht hätte. Oder wie ich es halte: Wer einmal ordentlich durchgreift, spart sich das lange Diskutieren mit Leuten, die „Fairplay“ für eine Option in den Datenschutzeinstellungen halten.

  • Die Ermahnung wird nicht mehr als großzügige Geste eines souveränen Spielleiters verstanden, sondern als einklagbarer Rechtsanspruch auf eine Gratis-Unverschämtheit.


    Ein SPA ist auch dann zwingend gelb, wenn es in der 1. Minute passiert.

    Damit ist eigentlich alles gesagt - und wenn ein Spieler das nicht versteht/verstehen will und reklamiert, habe ich ganz schnell einen Spieler weniger auf dem Feld, weil dann die Ampelkarte folgt.

  • Wenn ich fertig bin, sage ich ihm das und fordere ihn auf zu gehen. Unterbindet auch hier machtspiele. Der Spieler geht zuerst oder zumindest gleichzeitig, wie ihr. Verlasse ich den Ort zuerst unterwerfe ich mich ihm, das ist nicht die Idee.

    Ich finde deinen Beitrag sehr gelungen, danke dafür!


    Einzig bei der zitierten Stelle möchte ich etwas einschränken: Ich denke nicht, dass ich den Spieler aktiv wegschicken muss. Wichtig ist, dass ich in diesen Momenten das Gespräch beende und nicht der Spieler. Das kann aber auch dadurch geschehen, dass ich nach Ende meiner Botschaft mich umdrehe und weggehe. Sehr wirkungsvoll z.B. beim Trainer. Ansage fertig, umdrehen, weg, und nicht auf eine Erwiderung warten.

    In einer Aktion prallten Grevelhörster und Gerick zusammen. Der FC-Stürmer blutete aus der Nase, aber Schiedsrichter Stefan Tendyck aus Gelsenkirchen konnte mit einem Taschentuch aushelfen. Gericks Torriecher wurde nicht in Mitleidenschaft gezogen: Er markierte das 1:3.


    Westfalen-Blatt (29.5.2017) :D

  • Ich möchte nur ergänzen, dass es laut Regelwerk tatsächlich auch eine Pflichtermahnung gib. Und zwar der erste Verstoß des Torhüters gegen Regel 14.