Nachsicht und Verständnis sind der Tod der Spielleitung

  • Insbesondere jüngere Schiris, die selbst noch aktiv Fußball spielen, aber auch ältere Schiris, die den Rollenwechsel vom Spieler zum Schiri noch nicht vollständig geschafft haben, trifft das Problem besonders: Irgenwie hat man Mitgefühl mit dem Spieler oder Verständnis für dessen Aktion.


    Gut, menschlich habe ich durchaus auch des Öfteren Verständnis oder Mitgefühl, die Kunst ist aber, dies erstens für mich zu behalten und zweitens meine Entscheidungen davon nicht beeinflussen zu lassen. Wer das nicht schafft - und hier ist vor allem Selbstkontrolle gefragt -, der wird aus dem Unterbewusstsein heraus falsche Entscheidungen treffen, in dem bestimmte Aktionen nicht gepfiffen oder persönliche Strafen nicht oder unzulässig abgemildert ausgesprochen werden. Wir müssen uns immer darüber klar sein, dass es ein ganz einfaches Schema aus Handlung und Folge gibt, die Beweggründe haben uns nicht zu interessieren - und nebenbei können wir die oft auch nur mutmaßen. Wer das nicht beherrscht und beherzigt, der trifft Fehlentscheidungen, welche die ganze Spielleitung beeinträchtigen werden - übrigens derselbe Effekt wie sogenannte Konzessionsentscheidungen (hier, womöglich versehentlich, einen Strafstoß gegeben, den man selbst als falsch einschätzt, darf ja auch nicht dazu führen, dass wir der anderen Mannschaft ebenfalls einen, dann übrigens noch fragwürdigeren, Strafstoß zusprechen).


    Wenn überhaupt, aber selbst da ist das kein guter Ratgeber, kann Mitgefühl oder Verständnis Einfluss auf einen eventuell fälligen Sonderbericht haben, wobei es auch dort darauf ankommt, dass man den reinen Sachverhalt schildert, dessen Bewertung ist ja gerade Sache des Sportgerichtes. Wobei, das ist die einzige Ausnahme, es keine Schande ist, wenn man im Sonderbericht einräumt, dass eine Entscheidung in der Nachbetrachtung einem selbst falsch erscheint.


    Fazit:
    Denkt daran, dass Ihr auf dem Platz Schiedsrichter seit und diese Rolle auszufüllen habt, alle anderen Erwägungen sind ganz bewusst aus- bzw. zu überblenden; wer das nicht befolgt, macht sich selbst nicht nur die Spielleitung schwer, der leistet auch dem Fußball einen Bärendienst - und macht sich nebenbei noch selbst zum "Schiedsrichter von letzter Woche".

    Fußball ist die schönste Nebensache der Welt.

    Einmal editiert, zuletzt von Manfred ()

  • Sorry Manfred, aber was du hier schreibst ist Quark. Mitgefühl, Rücksicht und vor allem Verständnis sind der Schlüssel zu einer erfolgreichen Spielleitung. Wo ich dir recht gebe, ist dass diese nicht Grundlage einer Entscheidung seind dürfen. Sie sollen diese aber mitgestalten und das will auch der Regelgeber so. (Stoppt der Trainer den Ball bevor er das Spielfeld verlassen hat, um eine schnelle Spielfortsetzung durch den Gegner zu vermöglichen oder zu verhindern macht allein schon regeltechnisch einen riesen Unterschied.) Ein guter Schiedsrichter braucht die Fähigkeit, das Spiel, die Spieler und die Beweggründe dieser zu identifizieren und anhand dessen zu handeln. Gerade was Gespräche mit Spielern angeht ist das extrem wichtig. Mit manchen Spielern kann man reden und das Fehlverhalten kommt nicht wieder auf und andere verstehen nur die Sprache, die die Karten sprechen. Wenn man die Spieler erkennt, welche einem Probleme verursachen und mit diesen korrekt umgeht, hat man 90 Minuten "Ruhe" auf dem Platz. Und genau da ist es wichtig auch mal Verständnis zu zeigen, sei es durch Worte oder in dem man Gnade vor Recht walten lässt. Natürlich kannst du dich strikt an das Reglement halten, das will aber keiner, schon gar nicht, wenn man sich ausserhalb der Betonklasse bewegt.

  • Wo ich dir recht gebe, ist dass diese nicht Grundlage einer Entscheidung seind dürfen.

    Und genau das ist die Zielrichtung des Beitrages - ich muss nach Regelwerk entscheiden und da ist eben eine "Notbremse" eine solche, auch wenn der Verteidiger dem Angreifer vollkommen aus Versehen von hinten auf den Schuh tritt, mit allen Konsequenzen, selbst wenn nicht zu übersehen ist, dass das alles andere als Absicht war.


    Wir hatten am gestrigen Bundesliga-Spieltag übrigens zwei Situationen, die geradezu klassisch waren - und wo die Kollegen das auch richtig gemacht haben:
    Einmal "fällt" ein Angreifer im Strafraum und zeigt unmittelbar, gewissermaßen in tätiger Reue, dass das kein Foul war, dennoch bekam er die Verwarnung, weil es eben keine tätige Reue im Regelwerk gibt. Im zweiten Fall rutscht ein Spieler, aber der Ball kommt dann an den anderen (nicht den abstützenden) Arm, der zudem noch recht hoch aufzeigt - sicher keine Ansicht, aber eben ein Strafstoß im Sinne der Regeln.


    Ich habe es aber oft genug selbst erlebt - und noch Öfter von betroffenen, meist jüngeren, Schiris gehört, dass sie nicht so entschieden hatten, wie es richtig gewesen wäre, eben weil sie das aus der Position Spieler betrachtet hatten, mithin hatten die Verständnis für die Situation gehabt.

    Mitgefühl, Rücksicht und vor allem Verständnis sind der Schlüssel zu einer erfolgreichen Spielleitung.

    Nein - Punkt. Eine erfolgreiche Spielleitung zeichnet sich dadurch aus, dass sie berechenbar ist - und das ist sie primär, wenn der Schiri die Regeln anwendet; sie wird übrigens noch besser, wenn alle Schiris die Regeln gleich anwenden. Natürlich gibt es Spielräume, aber die beziehen sich meist eher auf Dinge wie "liegt ein Vorteil vor" oder die Frage, ob eine persönliche Strafe sinnvoll ist - bitte nicht mit den Fällen verwechseln, in denen die zwingend ist - oder ob es eben auch eine Ansprache tut, nur sollten diese Entscheidungen eben gerade nicht aus Dingen wie Mitgefühl, Rücksicht oder Verständnis gespeist werden, sondern von Faktoren wie beispielsweise dem Spielcharakter, denn in einem Spiel kann ich viel mit Ermahnungen regeln, in anderen Spielen sind für gleiche Situationen Karten das Mittel der Wahl, aber eben, wie bereits geschrieben, nur da, wo auch wirklich Spielräume bestehen.


    Nebenbei:
    Wir sind hier im Bereich für Neulinge - und die haben es oft schwer genug und tun sich selbst auch schwer. Wenn die anfangs erst einmal stringent(er) sind, halten die sich viele Probleme vom Leib, der Rest ergibt sich aus Erfahrung. Dazu kommen weitere Faktoren wie Auftritt, Typ, Schlagfertigkeit etc., als alter Hase mit lockerem Mundwerk kann ich manches anders lösen als ein frisch gebackener Schiri, weil ich besser erkenne, was ich zu tun habe und man mir das auch "abkauft"; gleichwohl darf ich, womit ich der Kreis schließt, meine Entscheidung eben nicht von Dingen wie Verständnis und Mitgefühl beeinflussen lassen.
    Auch hierzu ein Beispiel:
    Ich habe vielleicht Grütze gepfiffen und der Trainer beschwert sich lautstark. Klar, mein Gefühl sagt, der hat recht - aber darf ich das deshalb zulassen? Bei der nächsten Situation, bei der ich sicher bin, dass ich richtig liege, meckert der wieder lautstark - und nun?

  • Nur so Tim, als Jemand der mehr als die dreifache Lebenserfahrung von dir hat sage ich mal: die Ansichten eines Kollegen als "Quark" zu bezeichnen ist nicht gerade wertschätzend.

    Du darfst eine andere Meinung haben, aber nicht die einer Kollegen abqualifizieren, das lässt sich auch anders ausdrücken!

  • Ich finde man sollte Nachsicht und Verständnis nicht in denselben Topf werfen. Natürlich darf ich für Spieler Verständnis haben und das auch kundtun, so lange ich trotzdem die richtige Entscheidung treffe. Ich kann dadurch sogar mehr Ruhe reinbekommen, in dem ich einem Spieler sage, wenn er im Strafraum beide Arme hochreißt um den Ball nicht ins Gesicht zu bekommen, dann kann ich das verstehen, aber das Regelwerk schreibt dafür einen Strafstoß vor. Oder wenn ein Verteidiger einen frei auf das Tor zulaufenden Stürmer kurz vor der Strafraumgrenze weggräscht. Strafstoß verhindert, aber deswegen ist die Rote Karte zwingend.


    Dagegen impliziert Nachsicht für mich, dass ich eigentlich fällige Strafen eigenmächtig abmindere oder gar nicht ausspreche. Das geht natürlich nicht und ist m.E. sogar kontraproduktiv. Schwachsinnige Regeln wird man nämlich am ehesten los, in dem man sie besonders korrekt anwendet. Zuletzt ist uns das gelungen, in dem zur neuen Saison der Blödsinn abgeschafft wurde, dass man Gelb und Strafstoß geben muss, wenn ein übereifriger Auswechselspieler einen 15 Meter vom Tor entfernten, eindeutig Richtung Toraus rollenden Ball auf der Torauslinie stoppt.

    Der Klügere gibt nach.


    Das erklärt, warum die Welt von den Dummen regiert wird.

  • Und genau das ist die Zielrichtung des Beitrages - ich muss nach Regelwerk entscheiden und da ist eben eine "Notbremse" eine solche, auch wenn der Verteidiger dem Angreifer vollkommen aus Versehen von hinten auf den Schuh tritt, mit allen Konsequenzen, selbst wenn nicht zu übersehen ist, dass das alles andere als Absicht war.

    Also ich weiß gerade nicht bei welchem Spiel das war, aber ich meine dieses WE gab es da eine Szene wo genau das passiert ist... der SR hat nichts gemacht. Da das ganze im Strafraum war und der Verteidiger den Stürmer in die Hacke getreten hat, hätte es Elfmeter geben müssen.

    (Ich versuche es mal zu finden)

    Bin kein Schiedsrichter, nur ein Spieler Trainer (wieder) Spieler  Irgendjemand Alt-Herren Spieler der sich für die Regeln seines Sports interessiert

  • wenn er im Strafraum beide Arme hochreißt um den Ball nicht ins Gesicht zu bekommen, dann kann ich das verstehen, aber das Regelwerk schreibt dafür einen Strafstoß vor.

    Die reflexartige Schutzhand wurde vor einiger Zeit vom IFAB höchst persönlich als nicht strafbar klargestellt, wenn dadurch die Körperfläche nicht vergrößert wird, also der Ball ansonsten das Gesicht getroffen hätte.

  • Die reflexartige Schutzhand wurde vor einiger Zeit vom IFAB höchst persönlich als nicht strafbar klargestellt

    Da wollte ich eigentlich auch gerade drauf eingehen, aber nicht mit "Klarstellung" vom IFAB sondern allein der Regeltext gibt für eine derartige Schutzhand keine Strafbarkeit mehr her.

    Es ist kein abscihtliches Spielen des Balles mit der Hand, es ist (wie das IFAB klargestellt hat) keine Vergrößerung der Körperfläche, aber ich gehe sogar noch einen Schritt weiter: Selbst wenn die Körperfläche vergrößert wird, ist es nicht unbedingt unnatürlich wenn man die Hand bei einem zentral auf den Kopf zufliegenden Gegenstand hochreisst um das Gesicht vor Einschlag zu schützen.

  • Und dieses Wochenende gab es ein Muster für das, was ich meine: Bericht (ab 1:15)


    Über den Umstand, ob für das Foul eine Verwarnung auszusprechen ist, kann man sicher trefflich streiten, aber die Reaktion des Augsburger Spielers, sorry, da muss ein Zeichen folgen. Letztlich will Tobias Welz das Foul nicht verwarnen, kann aber das - deutlich zu heftige - Verhalten des Augsburgers verstehen und verzichtet auch auf dessen Verwarnung. Sicher, in Profi-Ligen kann man das so machen, aber wer das als Anfänger durchgehen lässt, der hat das Spiel aus der Hand gegeben. Und wozu das am Ende führt, kann man im weiteren Spielverlauf sehen, die Spieler geraten ja nochmals heftig aneinander ...