Das Mantra der Ahnungslosen

  • Es gibt ein ungeschriebenes Gesetz auf deutschen Fußballplätzen, eine Art sakrosanktes Dogma, das von der Kreisliga bis in die Fankurven der Bundesliga mit dem Pathos einer Verfassungsnorm deklamiert wird. Es ist wichtiger als Abseits, erhabener als die Rückpassregel und wird mit einer Inbrunst verteidigt, die man sonst nur von fundamentalistischen Predigern kennt. Dieses Gesetz lautet:

    „Das war doch Ball gespielt!“

    Man muss sich das einmal vorstellen. Da war mein Spiel gestern Abend, ein Mikrokosmos bundesdeutscher Rechthaberei. Gleich dreimal ertönte der Pfiff zum Strafstoß, zusätzlich zweimal bei einer rustikalen Grätsche. Und noch bevor der Schall meiner Pfeife verhallt war, noch bevor der gefoulte Spieler seine opernreife Sterbeszene beendet hatte, erhob sich der Chor der selbsternannten DFB-Regelexperten. Von der Ersatzbank, aus dem Pulk der Spieler, vom Spielfeldrand:


    „Das war doch Ball gespielt!“


    Es ist keine Frage. Es ist eine Feststellung. Eine Absolution, die sich der moderne Fußball-Bürger selbst erteilt. Die Grätsche mag von der Seite gekommen sein und den Gegner auf Hüfthöhe abgeräumt haben, der Stürmer mag im vollen Lauf umgesenst worden sein – doch wenn die Stollen des Verteidigers auf ihrer mörderischen Reise auch nur ein einziges Molekül des Ballleders gestreift haben, tritt automatisch die große Amnestie in Kraft? So will es der Fußballgott, oder zumindest sein Bodenpersonal im verschwitzten Trikot.


    Natürlich habe ich aus reiner Neugier mal wieder in dieses erstaunlich dünne Heftchen geblickt, das sich „Fußball-Regelwerk“ nennt. Ein furchtbar nüchternes Dokument, gänzlich ohne die emotionale Tiefe der


    „Ball gespielt“-Doktrin.


    Unter Regel 12, diesem Hort der Spielverderber, steht etwas von „fahrlässig, rücksichtslos oder übermäßig hart“. Kein Wort von der heilsbringenden Berührung des Spielgeräts. Nichts. Eine Leerstelle, die der Volksmund mit seiner eigenen, viel großzügigeren Jurisprudenz gefüllt hat.


    Woher also kommt dieser massenhafte Irrglaube, diese postfaktische Grätsche gegen das Regelwerk?


    Es ist die Sehnsucht nach einer einfachen Welt. Eine Welt, in der eine einzige, simple Handlung – die Ballberührung – jeden Kollateralschaden rechtfertigt. Es ist der juristische Kurzschluss des kleinen Mannes, der sich nicht mit dem Kleingedruckten von „Fahrlässigkeit“ und „Rücksichtslosigkeit“ aufhalten will. Wenn der Ball gespielt wurde, so die Logik, kann die Aktion per definitionem nicht gegen den Mann gerichtet gewesen sein. Das Tackling wird so zu einer Art technischem Versehen, der umgemähte Gegner zum bedauerlichen, aber unvermeidlichen Beifang.



    In Wahrheit ist der Ruf

    „Ball gespielt!“


    nichts anderes als der verzweifelte Versuch, die Deutungshoheit über eine Szene zu erlangen, die man gerade krachend verloren hat. Es ist das akustische Störfeuer gegen die unliebsame Wahrheit, die der Mann in Schwarz gleich verkünden wird. Und so steht der Schiedsrichter Woche für Woche als letzte Bastion der Vernunft auf dem Platz, ein Hüter der Norm in einer Welt der gefühlten Regeln, und muss den Jüngern des


    „Ball gespielt“-Kultes


    erklären, dass die Welt – und insbesondere das Fußballfeld – leider ein wenig komplizierter ist.


    In diesem Blogbeitrag sind zwei beispielgebende Szenen von "Ball Gespielt" zusammengeschnitten (Achtung, die erste Szene ist wirklich nur für starke Nerven)


    Meine Frage in die Runde: Woher kommt diese irrige Annahme, das das Spielen des Balls ein genereller Freispruch von jedweder Verantwortung für ein Kontaktvergehen ist:

  • Zunächst einmal: Danke, das war sehr gut geschrieben und könnte auch in einer Zeitschrift veröffentlicht werden. 👍


    Ich kenne auch die Geschwister „für einen Strafstoß zu wenig“ und „das war doch erst das erste Foul bzw. die erste Spielminute“.


    Das Grundproblem liegt sehr tief, insbesondere in der nicht konkreten Definition von „ab wann liegt mindestens fahrlässiges Rempeln, Beinstellen oder Tackling vor“. Was haben wir hier schon diskutiert.


    Zusätzlich wird das ganze gestützt durch VAR-Eingriffe, bei denen man genau deswegen Strafstöße zurückgenommen hat:Ball gespielt (und Gegenspieler konnte unverletzt weiterspielen)“.


    Oder erinnern wir uns an den Strafstoß, den Hummels gegen Eindhoven verursacht hat:


    "Ich grätsche rein, ich spiele ganz klar und deutlich den Ball zuerst, verändere die Bahn und erwische ihn danach noch minimal."

  • - Weil Menschen es gerne einfach haben: "Ball gespielt -> kein Foul; nicht Ball gespielt -> Foul" lässt sich viel besser merken, als kompliziertere Regelungen

    - Weil es viele Situationen gibt, in denen die Frage, ob der Ball gespielt wurde, tatsächlich den Unterschied macht (auch wenn der wörtliche Regeltext das in der Tat nicht hergibt).

    - Weil viele SR ein Weiterspielen mit "Ball gespielt" begründen (was nicht falsch sein muss, aber eben auch vereinfacht)



    Die zweite Szene aus dem verlinkten Blog finde ich übrigens gar nicht so eindeutig. Ich finde es dort auch eine mögliche (und sogar bessere) Interpretation, dass der Wolfsburger in zulässiger (nicht fahrlässiger oder rücksichtsloser) Weise den Ball spielt und der Gegenspieler dann gegen seine Fußsohle tritt. Die Intensität des Kontakts geht dort doch viel mehr vom roten Spieler aus, der den Ball dabei deutlich verfehlt.

    Nur das Standbild des Kontakts bringt auch nicht immer die ganze Wahrheit.


    Hier noch ein aktuelles Beispiel, wo der TW den Stürmer eindeutig fahrlässig zu Fall bringt, aber wegen dem vorherigen Ballkontakt die Erwartung bei den meisten Betrachtern ist, dass es kein Foul ist - auch wenn das im Regeltext eben keine Rolle spielt.

  • Wie müssen jetzt aufpassen, worüber wir diskutieren wollen, den Mythos oder Graubereiche. Die letzten Szene ist wie die beim Musial-Beinbruch meines Erachtens grenzwertig. Ich hätte auch weiterspielen akzeptiert, weil: Beide Spieler gegen in üblicher Manier Richtung Ball, könnten theoretisch auch den Gegenspieler und dessen Bewegungsrichtung abschätzen und prallen dann zusammen. Dann gilt für mich tatsächlich, wer den Ball spielt hat recht, außer es geht, der Stollen, das Knie oder der Ellenbogen voraus bzw. es liegt eine andere vermeidbare gefährdende Aktion vor, wie eventuell bei Neuer im WM-Finale.


    Für mich bedeutet ein lupenreines Tackling, dass der Spieler erst den Ball trifft, ohne dass der Gegenspieler aus berechtigter Angst vor einer Verletzung ausweichen musste und erst dann über ihn bzw. dessen Bein stolpert. Jegliches Treffen mit der Sohle, oder dem Knie sowie egal womit von hinten ist für mich mindestens fahrlässig.


    Aber aus irgendwelchen unerfindlichen Gründen gibt es das „Downgrad“. Sprich, wenn ein Molekül des Balles berührt wurde, dann wird aus fahrlässig weiterspielen, aus rücksichtslos fahrlässig und aus übermäßig hart rücksichtslos. Allenfalls Bein- oder Kniebrecher sowie Tritte gegen den Kopf werden im Ausnahmefall mit rot geahndet.

  • Die optische Wunderwaffe des Fans, Spieler und der Bank.

    Lasst mich eines klarstellen, damit wir uns nicht im Kleinklein der Stammtisch-Exegese verlieren.

    Es geht hier nicht um jene charmant-unauflösbaren Situationen, die der Fußball-Intellektuelle als „50/50-Entscheidungen“ adelt. Diese Grauzonen sind das Lebenselixier jeder hitzigen Debatte, der Stoff, aus dem die Mythen sind. Nein, diese Fälle meine ich nicht.


    Ich spreche von den Momenten monumentaler Eindeutigkeit. Ich spreche von jenen Szenen, bei denen die Faktenlage so erdrückend ist, dass selbst ein Blinder mit Krückstock die Unsportlichkeit erkennen würde. Und genau in diesen Momenten wird eine optische Wunderwaffe gezückt, die leistungsfähiger ist als jedes Nachtsichtgerät der Bundeswehr:


    die Vereinsbrille.


    Dieses wundersame Gestell ist mehr als nur ein modisches Accessoire in den Farben des Lieblingsklubs. Es ist ein aktiver Realitäts-Verzerrer, ein moralischer Weichzeichner für die Seele des Anhängers. Das harmlose Foul im Mittelfeld, die unbedeutende Rüttelei an der Außenlinie? Geschenkt. Das löst kaum ein Zucken der Augenbraue aus. Die Vereinsbrille bleibt im Etui.

    Ihre volle, fast magische Wirkung entfaltet sie erst, wenn es ans Eingemachte geht. Wenn der eigene Innenverteidiger den gegnerischen Stürmer im Strafraum von den Beinen holt – und zwar mit einer Wucht, die seismographisch messbar ist. Wenn die Grätsche von hinten in die Beine so offensichtlich eine Karte in der Farbe von Löschfahrzeugen nach sich ziehen müsste. In diesem Augenblick schierer Panik, kurz vor dem drohenden Unheil in Form von Strafstoß oder Platzverweis, aktiviert sich der Filter.


    Die Vereinsbrille blendet dann nicht nur die Sonne aus, sondern vor allem die unbequemen Paragrafen des Regelwerks. Sie fokussiert mit der Präzision eines Lasers auf ein einziges, winziges Detail, das plötzlich zur alles entscheidenden Tatsache aufgeblasen wird: die flüchtige Berührung des Balles. Alles andere – der gefällte Gegner, die Brutalität der Aktion, die Verletzungsgefahr – verschwimmt zu einem irrelevanten Hintergrundrauschen.


    Was wir hier beobachten, ist nichts anderes als der Notausgang aus der kognitiven Dissonanz. Der Fan, der Verein, die Mannschaft kann und will nicht akzeptieren, dass sein Held gerade einen justiziablen Fehler begangen hat. Also klammert er sich an den einen Strohhalm, der ihm geblieben ist.


    „Ball gespielt“


    ist somit kein Argument mehr, sondern eine Schutzbehauptung. Es ist der verzweifelte Versuch, die eigene, heile Welt gegen den Einbruch der profanen Wirklichkeit zu verteidigen. Eine Wirklichkeit, die in diesen Momenten meistens einen Elfmeterpunkt oder eine rote Karte hat.

  • SixthSCTF So schön auch das wieder geschrieben ist, sehe ich das Problem nicht bei dem Vereinsbrillenträger. Der Filter dieser Brille ist nur deswegen so stark, weil die mit eigentlich klarer Brille in optimaler Dioptrienzahl agierenden Personen mit der Pfeife in der Hand sie „kalibrieren“. Es sind eben genau diese fragwürdigen Entscheidungen auf dem Platz, die für die schärfe der Vereinsbrille verantwortlich sind. 😉

  • Woher also kommt dieser massenhafte Irrglaube, diese postfaktische Grätsche gegen das Regelwerk?

    Das hat Mark ganz ungewollt beantwortet:

    Ich kenne auch die Geschwister „für einen Strafstoß zu wenig“

    Und solche und ähnliche Aussagen sind nahezu jedes Wochenende von unseren Kollegen ganz oben zu hören, allemal, da die Damen und Herren des kommentierenden Gewerbes das nicht nur übernehmen, sondern tatsächlich aus Unkenntnis den Kult "Ball gespielt" erschaffen haben, auch wenn das eben oft nur eine Vorteilsentscheidung war.

  • Ich glaube hier hilft zum Verständnis wirklich, wenn man eine geraume Zeit in den unteren Ligen Spieler gewesen ist, ohne als SR ausgebildet zu sein. Das Stichwort heißt "fehlerhafte Analogie". Ein erheblicher Teil der Zweikämpfe (ich würde sagen, in Spielklassen, wo das kalte Getränk nach dem Spiel wichtiger ist als das Spiel selbst, die überwältigende Mehrheit), bei denen ein Spieler zu Fall kommt, läuft unter dem Unterpunkt von Regel 12 "Beinstellen", d.h. der Verteidiger stellt das Bein aktiv in den Laufweg des Stürmers, und in diesem Fall ist für die Frage strafbar oder nicht entscheidend, ob der Verteidiger vor dem Kontakt mit dem Stürmer den Ball gespielt hat oder nicht. Da finde ich es gar nicht verwunderlich, wenn Spieler oder Zuschauer, die ein Regelbuch nur vom Hörensagen kennen, diesen Sachverhalt auch auf andere Zweikämpfe übertragen, zumal es auch in Presse, Funk und Fernsehen oft genug falsch erzählt wird, und in den unteren Klassen leider auch von einigen SRn praktiziert wird.


    Andere Beispiele für solche Situationen sind "Hohes Bein" (statt korrekt "gefährliches Spiel"), "letzter Mann" (statt "regelwidrige Verhinderung einer klaren Torchance"), "Hand"(statt "strafbares Handspiel") oder "Abseits" (statt "aktives Abseits").

    Der Klügere gibt nach.


    Das erklärt, warum die Welt von den Dummen regiert wird.

  • d.h. der Verteidiger stellt das Bein aktiv in den Laufweg des Stürmers, und in diesem Fall ist für die Frage strafbar oder nicht entscheidend, ob der Verteidiger vor dem Kontakt mit dem Stürmer den Ball gespielt hat oder nicht.

    Wo steht das eigentlich in den Regeln? Ist das nicht eines der Probleme? "Ball gespielt" ist eindeutig etabliert um für ein "Nicht-Foul" zu sorgen. Genau wie du schreibst: Wenn ich meinem Gegner ein Bein stelle, dabei aber den Ball spiele ist es nicht mehr strafbar (zumindest nach der Auslegung 99,99% der Schiedsrichter.)

    Einzige Möglichkeit, dass mit dem Regelwerk in Einklang zu bringen ist zu sagen: Wenn der Ball gespielt wird, ist es gar kein Beinstellen mehr.

    Warum sollte das beim Tackling anders sein?


    Um mal bei SixthSCTF verlinkten Beispielen zu bleiben: Beim zweiten sehe ich das Foul eher beim roten Spieler. Leider ist die Wiederholung da nur ein Standbild und die Entscheidene Bewegung ist nicht zu sehen.


    Aber Fakt ist doch nun mal, dass "Ball gespielt" viel im Fußball erlaubt, was ohne den Treffer ab Ball von jedem SR abgepfiffen wird. Egal ob Kreis oder Bundesliga.

    Woher die irrige Annahme kommt, dass "Ball gespielt" immer hilft? Weil es dann halt in wahrscheinlich 95% der Fälle auch tut. Und auch die gezeigten Beispiele hier eher die Ausnahme sind.


    Wenn übrigens das von Nr.23 verlinkte Beispiel Elfmeter sein soll, dann darf der TW niemals zum Ball springen. Selbst wenn er ihn fängt und festhält und dann noch den Gegner danach trifft müsste es immer Elfmeter geben.

    Bin kein Schiedsrichter, nur ein Spieler Trainer (wieder) Spieler  Irgendjemand Alt-Herren Spieler der sich für die Regeln seines Sports interessiert

  • Eines der großen Probleme bei der Bewertung von Foulspielen ist ja, dass eine Berührung immer wechselseitig erfolgt. Wenn ich meinem Gegner das Bein stelle ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass er mich mit eben jenem Bein auch tritt. Nun gilt es zu bewerten, welche der beiden Aktionen möglicherweise zumindest "fahrlässig" war. Und da ist meiner Ansicht nach es in vielen Fällen durchaus legitim anzunehmen, dass der beinstellende Spieler nicht fahrlässig handelt, wenn er direkt vorher den Ball gespielt hat.

  • Übrigens auch ein wunderbares Beispiel, wie solche Dinge entstehen: Link Wenn die Medien nicht darüber berichten, wird die (angeblich gegebene) Karte nicht zur Kenntnis genommen, ergo glaubt ab sofort jeder, dass solche Fouls eben keine persönliche Strafe nach sich ziehen.

  • Tatsächlich hat die Tagesschau noch keine Eilmeldung herausgegeben, das stimmt. Ansonsten wurde die gelbe Karte aber normal gezeigt und auch in den entsprechenden Medien so vermerkt, wie gelbe Karten halt vermerkt werden. Der Kicker bspw. hat die gelbe Karte sogar im Live-Ticker ganz regulär vermeldet. Welchen Skandal suchst du hier?


    Zum Aufreger der Woche her hier entlang: DFB-Sportgericht: Mittelfinger "in den leeren Raum zeigen" kein Problem

  • Es geht nicht um einen Skandal, sondern darum, dass all die Millionen Menschen, welche die Sportschau sehen oder sich die Spielberichte in der Mediathek betrachten, den Eindruck bekommen, als habe es keine Karte gegeben - und genau das setzt sich in den Gedanken fest.

  • Es geht nicht um einen Skandal, sondern darum, dass all die Millionen Menschen, welche die Sportschau sehen oder sich die Spielberichte in der Mediathek betrachten, den Eindruck bekommen, als habe es keine Karte gegeben - und genau das setzt sich in den Gedanken fest.

    In der Sportschau werden doch nur sehr wenige gelbe Karten gezeigt, eigentlich nur wenn es vom Schnittbild gerade passt oder wenn es später zur GRK führt, und selbst dann nicht immer.


    Den Schluss "gelbe Karte in Sportschau nicht gezeigt" = "es hat keine gelbe Karte gegeben" werden die wenigsten machen.

  • Pfeifst Du eigentlich (noch)? Wie oft geht es in den Gesprächen vor und nach dem Spiel um Szenen aus der Bundesliga - und zwar genau auf Basis dessen, was eben in den Spielberichten gezeigt wurde. Wenn da die Karte fehlt, wird das verdammt oft mit dem Umstand gleichgesetzt, dass es keine Karte gab, die Wenigsten machen sich die Arbeit und checken, ob es nicht doch eine Karte gab; und wer es in kicker und Co. liest, zieht keineswegs automatisch den Rückschluss zur entsprechenden Szene, weil die Karte aus Fansicht oft eher uninteressant ist.

  • Hier noch ein aktuelles Beispiel.

    Für die meisten Zuschauer - und auch für den SR nach kurzer Ansicht der Bilder - macht das Ballspielen den entscheidenden Unterschied und es ist klar (VAR-Eingriff) kein Foul.


    Aber eigentlich:

    - tritt der Verteidiger trotzdem den Gegner rücksichtslos/gefährlich

    - kann der Verteidiger den Ball auch nur durch sein gefährliches Einsteigen so spielen

    - spielt das Ballspielen (wie oben diskutiert) regeltechnisch keine Rolle


    Und auch wenn man die Entscheidung für richtig hält, befeuern solche Szenen auf jeden Fall das im Ausgangspost beschriebene "Mantra".

  • Für mich ein Paradebeispiel, wie aus einem „gefährlichen Spiel“ ein mindestens fahrlässiges Treten bzw. Tackling, also „dem Ball geltender Angriff mit dem Fuss (am Boden oder in der Luft)“, wird.


    Der Spieler geht mit offener Sohle Richtung Ball. Wie man da auch nur ansatzweise auf die Idee kommen kann, dass alles OK ist, wenn er nur den Bruchteil einer Sekunde zuerst den Ball trifft, ist für mich nicht nachvollziehbar.


    Die Art den Ball so zu spielen ist nach meinem Verständnis nur dann zulässig, wenn kein Gegenspieler eine reale Chance hat, den Ball zu spielen.

  • Dann müsste man das doch eigentlich als gefährliches Spiel bewerten.


    Der Verteidiger springt offene Sohle rein und begeht ein gefährliches Spiel.

    Danach tritt ihm der Angreifer fahrlässig von unten an die Wade.


    Damit haben wir keine gleichzeitigen sondern zeitlich nacheinander stattfindende Vergehen.


    Meiner Meinung müsste man bezüglich der Spielfortsetzung das früher stattfindende gefährliche Spiel ahnden (also idF im Strafraum).

    Für eine persönliche Strafe müsste man jetzt noch prüfen, ob der Tritt, mit dem der Angreifer den Verteidiger getroffen hat, evtl. rücksichtslos war.

  • KozKalanndok Da haben wir ein anderes Regelverständnis.


    Beide Spieler gehen zum Ball und führen einen Zweikampf, auch wenn sie sich dessen nicht bewusst sind. Die komplette Aktion sowohl des Verteidigers als auch des Angreifers ist ein Tackling im Sinne der Regel: Dem Ball geltender Angriff mit dem Fuß (am Boden oder in der Luft).


    Das gestreckte Bein des Verteidigers ist sicherlich en mindestens fahrlässiges Tackling im Sinne der Regeln und findet auch zeitlich vor dem vermeintlichen Vergehen des Angreifers statt. Meinetwegen ist der Zeitpunkt auch der Kontakt und es liegt eine Gleichzeitigkeit vor.


    Gefährliches Spiel liegt nur dann vor, wenn der Angreifer aus Angst vor einer Verletzung seinen Schussversuch abgebrochen hätte.


    Und für ein Foulspiel des Angreifers hätte der Zeitraum zwischen Spielen mit offener Sohle und Tritt deutlich länger sein müssen. Sprich, der Angreifer hätte niemals die Möglichkeit gehabt den Ball zuerst zu spielen.


    So wird aber wieder suggeriert, dass wenn man den Ball zu erst spielt, alles danach nur unvermeidbare zulässige „Kollateralschäden“ sind.

  • Hier noch ein aktuelles Beispiel.

    Für die meisten Zuschauer - und auch für den SR nach kurzer Ansicht der Bilder - macht das Ballspielen den entscheidenden Unterschied und es ist klar (VAR-Eingriff) kein Foul.



    Genau so eine Szene, nur Stürmer und Verteidiger umgedreht, hatte ich am Samstag selbst. Ich habe für den Verteidiger gepfiffen. Der Stürmer ist dann ausgerastet.


    Für mich das ein glasklares Foul von dem Spieler, der den Fuß draufhält.