Warum ist an den Haaren ziehen automatisch eine rote Karte?

  • Aus gegebenem Anlass:

    Zopf-Zieher - Kathrin Hendrich sieht die früheste Rote Karte der EM
    Verteidigerin Kathrin Hendrich hat sich früh im EM-Viertelfinale der DFB-Frauen gegen Frankreich einen folgenschweren Aussetzer geleistet und die Rote Karte…
    www.sportschau.de



    Ich bin in dem Fall ehrlich gesagt nicht mal sicher ob das wirklich so beabsichtigt war. Man könnte wohlwollend davon ausgehen, dass die Verteidigerin an der Schulter ziehen wollte und dann evtl im Haargummi hängen geblieben ist oder gar nicht sofort realisiert hat, dass sie weder Schulter noch Trikot sondern die Haare in der Hand hielt.


    Aber eigentlich ist das egal. Die Frage ist warum ist das zwingend Rot? Was ist daran so anders als am Trikot ziehen oder an der Schulter oder am Arm oder sonst wo am Körper? Warum ist das in dem Fall anders? Wenn das komplett außerhalb von einem Zweikampf passiert würde ich das ja noch verstehen.

    Angeblich soll das als "Violent conduct" gewertet worden sein.. das sehe ich bei dem leichten ziehen aber nicht. Das ist doch kein brutales ziehen.


    Das man das als Foul pfeift und Elfmeter gibt, damit komm ich klar aber die rote Karte verstehe ich nicht. Dann müsste auch jeder Hand die im Zweikampf ins Gesicht geht mit rot gewertet werden.

    Wie seht ihr das? Hättet ihr rot gegeben? Wäre gelb ausreichend gewesen oder sogar nur Elfmeter?

    Bin kein Schiedsrichter, nur ein Spieler Trainer (wieder) Spieler  Irgendjemand Alt-Herren Spieler der sich für die Regeln seines Sports interessiert

  • Das Haareziehen an sich ist eine 'Tätlichkeit'. Und dass sie nicht auf die Situation geschaut haben soll, ist für mich eine Schutzbehauptung. Bei Ansicht der Bilder sieht es so aus, als wisse sie genau, was sie tut, es soll nur beiläufig wirken.

    Am Anfang wurde das Universum erschaffen. Das machte viele Leute sehr
    wütend und wurde allenthalben als Schritt in die falsche Richtung
    angesehen.

    Einmal editiert, zuletzt von StefanM ()

  • Wenn wir im Fußball – oder besser gesagt im Theater des Spiels – eine Entscheidung treffen, dann ist das immer eine Frage von zwei Dingen: dem „Ob“ und dem „Wie“.


    Das „Ob“ ist die grundsätzliche Frage: Hat da jemand gefoult? Hat jemand den Kontakt gesucht, den Kontakt provoziert? Das ist die einfache, klare Seite. Das führt, wenn ja, zu einer Spielstrafe. Punkt. Kein großes Rätsel.


    Das „Wie“ ist die komplizierte, die feine Nuance. Es entscheidet darüber, ob eine persönliche Strafe fällig wird. Ob eine gelbe Karte, eine rote Karte, oder vielleicht gar keine Strafe. Denn das „Wie“ – also die Art und Weise, wie der Kontakt zustande kam – macht den Unterschied.

    Es ist die Frage, ob jemand nur aus Versehen, aus Notwehr oder aus Absicht gehandelt hat. Und hier wird’s spannend, weil wir als Schiedsrichter nur das beobachten können, was auf dem Platz passiert. Wir können nicht in den Kopf des Spielers schauen, nicht hinter seine Stirn sehen. Wir müssen uns auf das verlassen, was wir sehen.


    [Spoilerarlarm] Haare Ziehen ist dabei in den seltensten Fällen ein Unfall


    Nehmen wir also das Beispiel Zopfziehen.

    ZUnächst einmal ist es ganz egal, ob gewollt oder unabsichtlich, ob Unfall oder Absicht – das ist eine Aktion, die extrem gefährlich ist. Verletzungsgefährdend. Das Risiko eines Schleudertraumas oder ähnlicher Verletzungen ist hoch. Und genau das macht die Sache so ernst.


    Es ist das Kontaktvergehen, das unstrittig ist. Aber das „Wie“ (des Kontaktvergehens) – also das an den Haaren gezogen wurde – entscheidet darüber, ob wir zusätzlich zur Freistoßentscheidung treffen (Anm: #GERFRA natürlich Strafstoß)eine persönliche Strafe aussprechen.


    Was bleibt, ist die Erkenntnis: Das Festhalten oder Ziehen am Zopf ist nicht nur unfair -und möglicherweise sogar eine Tätlichkeit ist- sondern auch gefährlich. Und die Gefahr, die davon ausgeht, ist das, was den Unterschied zum Trikotziehen macht.

    Deshalb ist die Frage: „Also, was tun wir?“ – klar. Wir bewerten die beobachtete Tatsache, und die ist eindeutig: Verletzungsgefährdend, regelwidrig, und im Zweifel immer ernst zu nehmen.

  • Ich hätte Strafstoß und Gelb gegeben.


    Während ich in gewisser Weise bei SixthSCTF bin, dass Haareziehen aufgrund der starken Belastung für Hals und Nacken sehr häufig ein gesundheitsgefährdendes Foulspiel ist, denke ich, dass in diesem Fall aufgrund der äußerst geringen Intensität eine Verwarnung ausreichend wäre.


    Auch sehe ich nicht dass es sich um eine Tätlichkeit handelt, da es letztlich "nur" ein Halten im Laufduell ist.

  • Für mich eine knallrote Karte. Über Gelb kann man zu Anfang der Szene reden, als Hendrichs den Zopf von Mbock nur anfasst und mitläuft. Aber dann sieht man eindeutig, wie der Kopf nach hinten gezogen wird und Mbock ihren Lauf deswegen abbricht. Und im Gegensatz zum Trikotziehen oder am Arm festhalten verursacht das Ziehen an den Haaren ordentliche Schmerzen. Das geht für mich eher in die Richtung des Kneifens im Unterleib oder mit Stollen auf den Spann zu treten.

    Der Klügere gibt nach.


    Das erklärt, warum die Welt von den Dummen regiert wird.

  • Für einen Feldverweis ist es aber nicht ausschlaggebend, ob ein Foul Schmerzen verursacht.

    mit Stollen auf den Spann zu treten.

    Auch "Stempeln" wird regelmäßig nur mit Gelb geahndet.

  • Ohne das Video gesehen zu haben, nur auf den Beschreibungen hier:


    Es gab einen Zweikampf um den Ball und eine Spielerin zieht der anderen an den Haaren.

    Dann kann das schon alleine aufgrund des Zweikampfs keine Tätlichkeit (violent conduct) mehr sein. Mit Zweikampf gegen eine Gegenspielerin kommt nur noch grobes Foulspiel (serious foul play) in Betracht.

    Und da gehe ich bei "challenge that endangeres the safety of an opponent" mit.

    Den Unterschied zum Arm im Gesicht sehe ich im Grad der Fahrlässigkeit.

    Man bewegt den Arm intuitiv um seine Balance zu halten. Dass der dann mal nach oben fliegt wo gerade aus einer anderen Richtung ein Gesicht angeflogen kommt, ist normaler Bewegungsablauf und kann fahrlässig passieren.

    Ein Halten ist aber (mal abgesehen wenn man schon im Fallen ist) immer eine vorsätzliche Handlung. Die Finger gehen zu um zu halten. Das ist am Trikot verboten, das ist an der Schulter verboten und das ist an den Haaren verboten. Dazu kommt, dass es an den Haarn noch eine erhebliche Gefährdung darstellt.

  • Alleine die Vorstellung, dass jemand aus Versehen am Zopf zieht, ist für mich abwegig. Damit reden wir über eine klare Tätlichkeit, ergo Strafstoß und FaD, auf die Heftigkeit kommt es nicht an.

  • Halten ist nur sehr selten aus Versehen. Wenn jemand am Arm oder am Oberkörper festgehalten wird, geben wir doch auch nicht immer Rot. Für eine Tätlichkeit ist vor Allem relevant, ob das ganze im Kampf um den Ball passiert oder nicht.

  • ob das ganze im Kampf um den Ball passiert oder nicht.

    ist hier aber gar nicht so eindeutig.

    Einerseits ist der Ball noch recht weit weg - und landet am Ende auch nicht bei den beiden Spielerinnen. Insofern kann man das schon als "off-the-ball" und somit als Tätlichkeit werten, denke ich

    Andererseits ist die Absicht vermutlich sich einen Vorteil im Kampf um den Ball zu verschaffen. Insofern wäre es auch vertretbar, es als Zweikampf zu bewerte.


    Ist letztlich aber auch egal, weil für grobes Foulspiel oder Tätlichkeit ansonsten die gleichen Bedingungen zu prüfen sind.

  • Auf Grund der Tatsache, dass man „leichte“ Textilvergehen nicht als Halten wertet bzw. weiterspielen lässt (was eigentlich den Regel widerspricht) und Regel 12.3 ein „an den Kopf oder ins Gesicht Schlagen mit vernachlässigbarer Kraft“ nicht als Tätlichkeit beschreibt, wäre für mich ein leichtes an den Haaren Halten auch nicht zwingend rot.


    Aber es ist für alle Beteiligten schlichtweg einfacher, es als Tätlichkeit auszulegen, da man es zu 100 % vermeiden kann, es objektiv erkennbar ist und es absolut unnötig ist (außer bei Cucurella :) ).


    Genauso muss jegliches Halten, auch wenn die Wirkung minimal ist, als strafbar ausgelegt werden, da auch das zu 100 % kontrollierbar vermeidbar ist.

  • Für mich ist das schon eine Verhalten, das ich persönlich auch als Tätlichkeit auslegen würde.

    Auch unabsichtlich war diese Aktion für mich nicht, somit keine andere Entscheidung als FAD und SST.

  • OK danke für Einschätzungen bisher.


    ich würde den Blick gerne davon weglenken ob es nun Absicht war oder nicht. (Auch wenn ich das natürlich selbst mit angeführt habe.)

    Ich bin selbst wenn das Absicht war nicht bei rot. Dafür ist mir das leichte ziehen viel zu wenig. Auch das hier noch kein direkter Kampf um den Ball vorliegt ändert nichts daran.

    Ansonsten müsste man bei jeder Ecke rote Karten verteilen.


    Wenn laut Regelwerk selbst ein Schlag ins Gesicht "mit vernachlässigbarer Kraft" keine Tätlichkeit ist.. dann doch bitte auch kein Haare ziehen wenn es so leicht ist wie hier.


    auf die Heftigkeit kommt es nicht an.

    Warum nicht?

    Wie ich schon gesagt habe sehe ich nicht den großen Unterschied zwischen Halten/Ziehen am Arm oder an den Haaren. "Nur" weil es mehr wehtut?

    Das scheint bisher das einzige Argument zu sein und das überzeugt mich nicht wirklich.


    Es würde doch niemand auf die Idee kommen hier rot zu zeigen, wenn die Verteidigerin am Trikot gezogen hätte und dabei der Stürmerin auch weg getan hätte z.B. in dem das Trikot durch das ziehen auf den Hals drückt.



    Oder würde hier jemand rot geben:

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    youtu.be


    Wenn durch das starke ziehen an der Hose hier z.B. vorne im Schritt was eingeklemmt würde?

    Bin kein Schiedsrichter, nur ein Spieler Trainer (wieder) Spieler  Irgendjemand Alt-Herren Spieler der sich für die Regeln seines Sports interessiert

  • Ich finde dem Platzverweis völlig in Ordnung, passte auch, wie sagte Neumann, "zur kleinlichen Art" der Schiedsrichterin (die im übrigen nicht immer richtig lag).

    Wer so in einen Zweikampf geht, hat es nicht anders verdient!

    Aus meiner Sicht sind die meisten SR da viel zu nachlässig.