Torwart dribbelt in eigenen Strafraum

  • Neulich in der vierten Schweizer Liga. Nichts spielentscheidendes und keine Reklamationen aber irgendwie hatte ich kein gutes Gefühl in dieser Szene.


    Ungewollt abgefälschter Schuss auf das Heimtor. Der Torwart nimmt den Ball mit dem Fuss seitlich neben dem Strafraum an und wartet, bis sich ein Stürmer nähert. Dann dribbelt er in seinen Strafraum rein und nimmt den Ball in die Hand. Ich liess weiterlaufen und beim Spielstand von 6:1 interessierte das keinen aber hätte ich hier eingreifen müssen? In den Regeln finde ich diesbezüglich nichts.

  • In den Regeln finde ich diesbezüglich nichts.

    ..und genauso isses auch; solange der Ball vom Gegenspieler und nicht vom eigenen Mann kommt, darf der TW den wo auch immer er lustig ist annehmen, damit rumdribbeln etc. und - sobald im Strafraum befindlich - mit der Hand aufnehmen! :top:

  • 1. Ungewollt abgelenkter Schuss - spricht schon gegen einen Rückpass.

    2. Der TW nimmt den Ball seitlich außerhalb des Strafraums an, also an einer Stelle, an der üblicherweise kein Torwart steht und an der mit ihm auch eher selten zu rechnen ist - wenn der nicht die ganze Zeit schon in der Nähe stand, spricht das auch eher gegen einen Rückpass.

    3. Wie wurde der Schuss denn abgefälscht? Wenn es nicht mit den Fuß war, erübrigen sich ohnehin alle Überlegungen bezüglich eines Rückpasses (hatte ich neulich auch, da war aber Knie, ein Depp reklamiert immer und ich fragte ihn nur, ob der Ball mit dem Fuß gespielt wurde - Ruhe war).


    Die Beschreibung lässt zwar noch etwas Interpretationsspielraum, aber tendenziell deutlich kein Rückpass, also alles richtig gemacht.

  • @ Manfred zu 3.


    Im Regeltext steht nur „Zuspiel“. Der Begriff „Zuspiel“ ist leider nicht genauer definiert und das Wort „Fuß“ stand früher im Regeltext, jetzt nicht mehr ;)


    Wir legen das zwar immer noch so aus, aber auf welcher Grundlage?

  • Der reine Regeltext gibt das nicht mehr unmittelbar her, aber die DFB-Anweisung Nr. 7 zur Regel 12

    Zitat

    Situationen, in welchen der Ball von einem Mannschaftskollegen mit dem Fuß zwar nicht direkt in Richtung des Torhüters, jedoch absichtlich so gespielt wird (beispielsweise neben das Tor), dass der Torhüter den Ball annehmen kann, sind im Sinne dieser Regel als absichtliche Rückpässe an den Torhüter zu werten. Berührt der Torwart in solchen Fällen den Ball

    mit den Händen, ist ein indirekter Freistoß zu verhängen. Ein indirekter Freistoß ist auch dann zu verhängen, wenn ein Mitspieler des Torhüters den Ball mit dem Fuß absichtlich stoppt und der Torhüter diesen Ball mit der Hand berührt.

    und auch der Regeltext bei den verwarnungswürdigen Vergehen:

    Zitat

    absichtlich einen Trick nutzt (auch bei einem Freistoß), um den Ball mit dem Kopf, der Brust, dem Knie etc. zum Torhüter zu passen und so die Rückpassregel zu umgehen, egal ob der Torhüter den Ball mit den Händen berührt oder nicht,

  • Wobei mir der englische Originaltext recht egal ist (es sei denn, da lässt sich etwas im deutschen Text beim besten Willen nicht klären), verbindlich ist für mich immer noch das Regelwerk des DFB - und das ist an dieser Stelle für meine Begriffe eindeutig.

  • Wobei mir der englische Originaltext recht egal ist (es sei denn, da lässt sich etwas im deutschen Text beim besten Willen nicht klären)

    Interessant.

    Da der DFB juristisch unabhängig ist muss er das IFAB Regelwerk für seinen Zuständigkeitsbereich als offiziell verbindlich erklären. Das gilt im übrigen auch für die Landesverbände, die das ebenfalls für ihren Zuständigkeitsbereich machen müssen.


    Normaler weise macht man soetwas in dem man im Vorwort eines Regelwerks eine entsprechende Erklärung beifügt wenn man etwas in eigenem Namen veröffentlicht


    Im DFB-Regelwerk steht aber jetzt folgender Absatz:



    Und jetzt vorsichtig: Die Übersetzung eines Regelkwerks ist nur dann wirklich 1:1 Übertragbar, wenn es keine Wortübersetzung sondern eine Sinnübersetzung ist.


    Ich bin zwar kein Freund davon immer wieder mal nachzuschlagen was im Originaltext steht, aber....

    wieder ein Beispiel für eine unglückliche Übersetzung des Originaltextes: „it has been kicked“ ist eindeutig im Gegensatz zu „Zuspiel“


    kicken kann man im anglizistischen Raum nur mit dem Fuss. Von Zuspiel oder kontrolliert ist da nie die Rede. - Da muss ich Mark recht geben.

  • Wobei die (alte?) DFB-Auslegung, "mit dem Fuß" bedeute auch wirklich nichts anderes und schließe schon Knie und Schienbein nicht mehr mit ein, mir sprachlich auch noch nie zwingend erschien. Keine Ahnung, wie die Auslegung in England da ist. Die Übersetzung "den Ball treten" wäre jedenfalls verständlicher.

  • Ganz ernsthaft:
    Ich halte es nicht für die Aufgabe eines "einfachen" Schiedsrichters, tiefgründige Regelerkundungen in verschiedenen Sprachen durchzuführen. Dafür gibt es einen DFB und ein Lehrwesen (Randnotiz: Nur so kann eine einheitliche Regelauslegung und -Anwendung gewährleistet werden). Schon heute bieten die Regeln leider nicht immer die Klarheit, die in einzelnen Fällen wünschenswert wäre (wobei das wahrscheinlich auch nicht erreichbar ist), so dass nach dem Sinn und Geist der Regeln entschieden werden muss, was ganz zwangsläufig nicht immer zur gleichen Entscheidung führt. Delegiere ich jetzt aber noch die Aufgabe "im Zweifelsfall gilt der englische Wortlaut" an den einzelnen Schiedsrichter, kommt es nicht nur auf dessen Kenntnisse der englischen Sprache an, sondern auch darauf, wie sehr er damit vertraut ist, wie die Sprache jenseits der wörtlichen Übersetzung zu verstehen ist. Bewusst ein Beispiel jenseits des Fußballs: In England kann es bekanntlich Katzen und Hunde regnen, während es bei uns aus Kübeln/Eimern schüttet oder sich zum Wolkenbruch aufklärt. Schon in der deutschen Sprache wird nicht immer klar, wie etwas zu verstehen ist, ein "Ball spielen" kann mit dem Fuß meinen, muss das aber nicht.


    Von daher wiederhole ich:
    Für mich ist das deutschsprachige Regelwerk maßgebend, da ändert auch die Notiz über die Maßgeblichkeit des englischen Textes nichts. Einem milliardenschweren Verband wie der FIFA, welche beim IFAB mitwirkt und bei der die Nationalverbände Mitglied sind, muss es doch möglich sein, eine Übersetzung bereitzustellen, bei der es zu solchen Zweifelsfällen eben nicht kommt; wenn die das schon nicht schaffen, wie soll der einzelne Schiri das können?

  • Ich bin da Manfreds Meinung.

    Es kann nicht angehen, dass Schiedsrichter Kollegen derart leisten müssen, sich jede Regel im englischen Originaltext durchzulesen und diese mit seinem unterschiedlich guten Englisch zu interpretieren nur für eine Situation die im Zweifel vielleicht nie entstehen wird.


    Die direkte Gesetzgebung für uns ist der DFB und der hat zu verantworten, wenn sich da ein Fehler einschleicht oder sonst irgendwelche Vorgaben nicht eingehalten werden.
    Meine Aufgabe auf dem Feld ist die mir beigebrachten Regeln umzusetzen - da habe ich schlicht weg weder die Kompetenz noch die Zeit für mich bei einer Tatsachenendscheidung die ich treffe mit einem Regelbuch aus anderen Sprachen zu rechtfertigen.
    Zumal auch die einfachsten Regeln schon kaum bei der Spielerschaft ankommen und sich dann bei einigen Pfiffen wundern.

    Es liegt nicht an uns die Regeln neu zu definieren, falls wir da zweifel haben können wir immer den Weg über den Lehrwart -> Obmann -> KSG -> VSG und so weiter gehen.
    Doch lange ist einfach die herrschende Meinung zu einer Regel anzuwenden.
    In dem Fall ist Zuspiel -> Zuspielen kann man nur mit dem Fuß = Zuspiel ist ausschließlich mit dem Fuß gemeint. Du pfeifst ja nicht ab, wenn jemand den Ball zum TW köpft und der den dann in die Hand nimmt.
    Aber wie gesagt, wir sind hier nicht verpflichtet Wortdefinitionen zu geben sondern die Lehrinstanzen.

  • Ich halte es nicht für die Aufgabe eines "einfachen" Schiedsrichters, tiefgründige Regelerkundungen in verschiedenen Sprachen durchzuführen.

    Ja, völlig richtig.


    Hier im Forum beteiligen sich an den Diskussionen jedoch nicht mehr die "einfachen" Schiedsrichter, sondern diejeniegen, die etwas mehr in ihr Hobby inverstieren.

    Die Diskssuionen im abstraktem Regelbereich übersteigen bereits das Niveau, welches viele Schiries tagtäglich anwenden müssen und wir stellen hierbei oftmals die Frage:


    Was will der Regelgeber eigentlich?


    In diesem Falle ist es schon verpflichtend mal etwas tiefer in die Regelthematik einzusteigen und die Originaltexte zu interpretieren. Das ist dann zwar auf dem Feld für unsere tägliche Arbeit nicht unbedingt immer hilfreich, muss aber teil der erlaubten Diskussionskultur hier sein.

    Für mich ist das deutschsprachige Regelwerk maßgebend, da ändert auch die Notiz über die Maßgeblichkeit des englischen Textes nichts.

    Natürlich, vor allem wenn Dir dieses Regelwerk um die Ohren gehauen wird, wenn Du Bockmist baust. Es erwartet auf dem Feld keiner, das Du den Originaltext anwendest geschweige denn das Du ihn überhaupt liest.

    Vieles worüber wie immer wieder im Interpretationsbereich in diesem Forum Diskutieren wird jedoch verständlicher, wenn man auch mal den Originaltext in die Diskussion mit einbezieht.


    Das ist übrigens bei wissenschaftlichen Arbeiten nicht nur üblich sondern eine Pflichtübung. Auf diesem Niveau bewegen wir uns hier zwar noch nicht, aber weit davon entfernt sind wir nicht mehr.

  • Natürlich, vor allem wenn Dir dieses Regelwerk um die Ohren gehauen wird, wenn Du Bockmist baust. Es erwartet auf dem Feld keiner, das Du den Originaltext anwendest geschweige denn das Du ihn überhaupt liest.

    ..und da musste ich auch grade leicht schmunzeln!

    Z. B. führen Spieler, die Bockmist bauen, das oftmals auf mangelnde Regelkenntnis zurück (Bsp. Kopfballverlängerung des Verteidigers hebt Abseits auf...) - bei uns als pfeifende Zunft hingegen können wir eigtl. immer bloß dumm da stehen; entweder man wendet die (zwar richtigen, aber leider nicht immer bekannten) Regeln korrekt an, was auf dem Platz dann aber nicht jeder versteht oder man begeht einen Regelverstoß, für den man sich allein verantworten muss! :hammer:

  • entweder man wendet die (zwar richtigen, aber leider nicht immer bekannten) Regeln korrekt an, was auf dem Platz dann aber nicht jeder versteht oder man begeht einen Regelverstoß, für den man sich allein verantworten muss!

    Du hast noch einen vergessen:


    Oder alle wissen das Du das Regelwerk richtig umsetzt erwarten aber "Fingerspitzengefühl". Was gleichbedeutend damit ist, das Du die Regeln so umsetzt wie die "Fingerspitezngefühl-Forderer" es wollen.