Abseits bei Abwehrversuch des Verteidigers - Zwei Situationen

  • Hallo liebe Regelexperten


    Gestern gabe es bei meinem Spiel (als Spieler) rege Diskussionen um einen Nichts-Abseitsentscheid des Schiedsrichters. Später im Spiel gab es dann eine vergleichbare Situation, in welcher der Schiedsrichter auf Abseits entschied. Natürlich war meine Mannschaft beide Male die Leidtragende:) Zum besseren Verständnis habe ich euch die beiden Situationen im Dateianhang dargestellt. Schwarz = Angreifer, Orange = Verteidiger.


    Situation 1:

    Der Mittelfeldspieler spielt einen Steilpass. Der Stürmer steht undiskutabel im Abseits. Ein in der Nähe stehender Verteidiger versucht mit einer Grätsche den Pass abzufangen. Er berührt den Ball nicht oder streift ihn ganz leicht.

    Der Schiedsrichter lässt weiterlaufen mit der Begründung, dass der Verteidiger "absichtlich den Ball spielen wollte und so eine neue Spielsituation entstand".


    Situation 2:

    Der Mittelfeldspieler spielt einen hohen Pass auf den Flügel, der undiskutabel im Abseits steht. Der Ball fliegt knapp über den Kopf eines Verteidigers, der versucht zu klären. Er berührt den Ball nicht oder nur ganz leicht. Der Schiedsrichter entscheidet auf Abseits.



    Mit dem Regelwerk, insb. zum Begriff "Abwehraktion", habe ich so meine Mühe.


    Wie würdet ihr in diesen Situationen entscheiden?

    Bin gespannt auf eure Meinungen.

  • Beide Entscheidungen goldrichtig.


    In Fall 1 sieht der SR offensichtlich einen Kontakt und der ist eindeutig gewollt, damit liegt eine neue Spielsituation vor, in welcher der Ball dann vom Gegner kommt, mithin kein Abseits.


    In Fall 2 gab es keinen Kontakt, mithin bleibt die ursprüngliche Abseitsstellung bestehen.


    Eine Abwehraktion bedeutet, dass es sich um eine unmittelbare Abwehr eines Schusses auf das Tor gehandelt hat. Vereinfacht ausgedrückt soll die Rettung auf der Torlinie nicht dazu führen, dass eine Abseitsstellung aufgehoben wird.

  • Eine Abwehraktion bedeutet, dass es sich um eine unmittelbare Abwehr eines Schusses auf das Tor gehandelt hat. Vereinfacht ausgedrückt soll die Rettung auf der Torlinie nicht dazu führen, dass eine Abseitsstellung aufgehoben wird.

    Heisst, die leichte Ballberührung des (in den Pass grätschenden) Abwehrspielers wird einem Fehlpass gleichgestellt? :rolleyes:


    Spinnen wir das Ganze weiter: Angenommen, der Verteidiger steht unmittelbar vor dem Passgeber. Bei der Passabgabe touchiert der Ball den ausgestreckten Fuss des V und gelangt danach zum abseitsstehenden Angreifer. Demnach auch kein Abseits??

  • Es kommt darauf an, ob der Kontakt gewollt war. Wenn der Spieler also versucht, den Ball zu spielen und ihn dabei berührt, dann kommt es nicht mehr auf den Erfolg an; nur ohne Berührung ändert sich an der Beurteilung nicht.


    Wenn der Verteidiger unmittelbar vor dem Passgeber steht, muss der Schiedsrichter entscheiden, ob es sich seiner Ansicht nach um einen gewollten Kontakt, der übrigens nicht zwingend mit dem Fuß erfolgen muss, handelt, oder ob der Kontakt letztlich zufällig war, weil der Spieler den Ball weder spielen wollte noch den Kontakt billigend in Kauf genommen hat. Bei einem ausgestreckten Fuß kommt es dabei primär darauf an, ob der Fuß bei der Ballabgabe schon ausgestreckt war.

  • Es kommt darauf an, ob der Kontakt gewollt war. Wenn der Spieler also versucht, den Ball zu spielen und ihn dabei berührt, dann kommt es nicht mehr auf den Erfolg an; nur ohne Berührung ändert sich an der Beurteilung nicht.

    Er will einen möglichen Pass blocken.

  • In Situation 1 ist eben entscheidend: hat der SR eine Berührung wahrgenommen

    bei JA: Abseitstellung aufgehoben, weil bewußte Abwehraktion

    bei NEIN: Abseits

  • Das sind die Situaionen, die gerade bei den "Ich-muss-nicht-zu-den-Pflichtsitzungen-Schiedsrichtern" oft falsch gemacht werden und vor allem bei den Muggels nicht verstanden werden.


    Meine "Pareto-Erklärung" lautet

    • Eine Berührung durch einen Verteidiger hebt eine Abseitsstellung auf...
    • es sein denn sie verhindert, das der Ball sonst direkt in´s Tor geht. Dafür sollte die Abwehrreaktion aber im 5m Raum erfolgen.


    Mit dieser Erklärung liege ich bei 80% aller Situationen richtig, in den anderen 20% muss ich halt das Hirn einschalten und Nachdenken.

  • Die hier genannte "Pareto-Erklärung" hat so einige Lücken, so dass ich lieber gleich das Hirn einschalte und die Regel 11 aus dem Regelheft anwende. Ich halte solche "Hilfsregeln für gefährlich.


    1. Es geht nicht um Berührung, sondern um absichtliches Spielen des Balles; Ausnahme: Torabwehraktion eines Abwehrspielers
    2. Es geht hier um den vorletzten Spieler der verteidigenden Mannschaft; die alleinige Bezeichnung "Verteidiger" ist irreführend und unvollständig
    3. Der Torraum ist hier irrelevant
  • Zitat

    Es geht hier um den vorletzten Spieler der verteidigenden Mannschaft; die alleinige Bezeichnung "Verteidiger" ist irreführend und unvollständig


    Falsch. Die Regelung betrifft alle Spieler der verteidigenden Mannschaft. Oder meintest Du etwas anderes?

  • Natürlich sind die Hilfsregeln ungenau, aber wenn die bereits erfüllt sind, brauche ich eben nicht weiter nachzudenken, insoweit sind sie schon hilfreich und Sixt hatte ja ausdrücklich geschrieben, dass man nur im 20 %-Fall weiter nachdenken muss.

    Es geht nicht um Berührung, sondern um absichtliches Spielen des Balles; Ausnahme: Torabwehraktion eines Abwehrspielers

    Leider auch nur Pareto, wenn schon geht es um den Versuch des absichtlichen Ballspielens mit Ballberührung, sonst wäre ja der gescheiterte Versuch, bei dem der Ball berührt wird, außen vor.

    Es geht hier um den vorletzten Spieler der verteidigenden Mannschaft; die alleinige Bezeichnung "Verteidiger" ist irreführend und unvollständig

    Da schließe ich mich smirk_mirkin an, wobei ganz genau müsste es heißen beliebiger Spieler inklusive Torwart der verteidigenden Mannschaft.

    Der Torraum ist hier irrelevant

    Stimmt, das ist ein Pareto-Zugeständnis und sicher sind im Einzelfall auch Szenen denkbar, in denen außerhalb des Torraumes eindeutige Abwehraktionen stattfinden. Aber damit wäre ich wieder beim Eingangssatz dieses Postings.

  • Vielleicht an dieser Stelle mal ein kleiner Exkurs, den ich mit einer absichtlich provokanten These beginne:


    Viele SR-Lehrwarte bilden am Bedarf vorbei aus, nahezu sämtliche Schulungen sind nicht Zielgruppenorientiert.


    Gerade @Stefan wird jetzt "Rote Ohren" :flieh: bekommen deshalb vorweg: Du gehörst nicht zu dieser Gruppe.


    96% bis 98% aller Spiele finden in einem Alters- und Leistungsniveaus statt, bei dem ein gesundes Basiswissen und halbwegs motorische Fähigkeiten bereits für eine Sehr gute Spielleitung völlig ausreichend sind.


    Mit einem Riesen Aufwand werden Bewegtbilder für die Handspielbewertung durch den Lehrwart zusammengestellt und in Einzelbildschaltungen erklärt was und warum das jetzt Handspiel ist oder nicht. Am Tag danach steht der 15 Jährige Schiri dann bei seinem D-Jugend Freundschaftsspiel auf dem Feld und versucht krampfhaft in seinem Hirn die Zeitlupenfunktion aufzurufen.


    Dabei hat er längst vergessen wir hoch die Eckfahnen sein sollen und welche Abmessungen das Spielfeld zu haben hat - obwohl sein Basislehrgang noch nicht einmal sechs Wochen her ist.


    In 96% aller Spiele brauchen wir einen Schiri, der die Situationen zu 80% richtig interpretiert. In den restlichen 20% merkt eh` so gut wie keine Sau das er falsch liegt ober es gibt sowieso Stress - selbst wenn er richtig liegt.

  • Die hier genannte "Pareto-Erklärung" hat so einige Lücken, so dass ich lieber gleich das Hirn einschalte und die Regel 11 aus dem Regelheft anwende. Ich halte solche "Hilfsregeln für gefährlich.


    1. Es geht nicht um Berührung, sondern um absichtliches Spielen des Balles; Ausnahme: Torabwehraktion eines Abwehrspielers
    2. Es geht hier um den vorletzten Spieler der verteidigenden Mannschaft; die alleinige Bezeichnung "Verteidiger" ist irreführend und unvollständig
    3. Der Torraum ist hier irrelevant

    smirk_mirkin Manfred Richtiger Hinweis; Punkt 1 bezieht sich auf die Abseitsposition, um die es hier jedoch gar nicht geht.

  • [..]
    Leider auch nur Pareto, wenn schon geht es um den Versuch des absichtlichen Ballspielens mit Ballberührung, sonst wäre ja der gescheiterte Versuch, bei dem der Ball berührt wird, außen vor.

    Da schließe ich mich smirk_mirkin an, wobei ganz genau müsste es heißen beliebiger Spieler inklusive Torwart der verteidigenden Mannschaft.

    [..]

    Na jetzt werden die Erbsen auch noch gespalten und statt Pareto (80%) übers Ziel hinaus (120%) geschossen- was am Ende genauso schädlich ist.

    Wenn ich Versuche, den Ball zu spielen und ihn dabei irgendwie berühre ja dann kommt der Ball nicht mehr vom Angreifer sondern von mir. Wir könnten jetzt noch diskutieren was ist, wenn ich zum Ball gehe und ein Luftloch schlage und mir der Ball dann ans Standbein fällt ("der gescheiterte Versuch, bei dem der Ball berührt wird") aber da hört es wirklich auf. Es gibt keine gescheiterten Versuche. Sonst müssten wir uns noch mehr Fragen stellen, was zum Beispiel wäre, wenn ich versuche den Ball zu spielen, ihn aber nicht erreiche und dann der Ball vom Pfosten an meinen Rücken prallt und dann der Angreifer aus einer Abseitsposition...--> Irrweg!


    Und Spieler der verteidigenden Mannschaft schließt selbstverständlich den TW mit ein, solange da nicht "Feldspieler" steht.

    Der Ansatz, alles 120% festschreiben und ableiten zu wollen schlägt fehl.
    Zum Glück; sonst hätte das Regelheft nicht 160 sondern 1600 Seiten.

  • Wir könnten jetzt noch diskutieren was ist, wenn ich zum Ball gehe und ein Luftloch schlage und mir der Ball dann ans Standbein fällt ("der gescheiterte Versuch, bei dem der Ball berührt wird") aber da hört es wirklich auf.

    Fände ich jetzt aber echt spannend, gerade vor dem Hintergrund der aktuell laufenden Bremer Strafstoß-Diskussion, wo der Wortlaut der Regel ja auch nicht so genau genommen wird. Wobei mir der gesunde Menschenverstand sagt, dass natürlich nur das Bein/der Fuß zählt, welcher den Ball eigentlich spielen sollte ...

    Zum Glück; sonst hätte das Regelheft nicht 160 sondern 1600 Seiten.

    Und das hätte Charme, wären auf den 1.600 Seiten dann endlich alle denkbaren Fallkonstellationen geregelt. Heute halte ich selbst die 160 Seiten für zu viel, weil wir letztlich doch die zehnfache Menge an Regeln haben, die sich dann Lehrmeinung usw. nennen, die aber weder allgemein bekannt sind noch einheitlich angewandt werden (alleine schon deshalb, weil ich möglicherweise in der Sitzung gefehlt oder nicht verstanden habe und ich es nirgends nachlesen kann).

  • (alleine schon deshalb, weil ich möglicherweise in der Sitzung gefehlt oder nicht verstanden habe und ich es nirgends nachlesen kann).

    Naja Manfred: da mache ich es mir einfacher - da ich auch den Bereich der gültigen Anweisungen und Regeln bei uns im SR-Bezirk pflege:


    Alles was hier nicht steht ist für mich irrelevant und alles was hier steht wird so umgesetzt wie es da steht.


    Einem Verbandsvertreter der mir mit dem Wort "Fingerspitzengefühl" die Durchführungsbestimmungen erläutern wollte antwortete ich:


    "Wenn Ihr in die Durchführungsbestimmungen ´reinschreibt das nur Rosa Bälle mit Grünen Punkten zugelassen sind, dann Pfeiffe ich ein Spiel nur an wenn der Ball auch wirklich grüne Punkte auf Rosa Untergrund hat. Selbst wenn ich diese Regel albern finde."

  • Tja SixthSCTF, so etwas haben wir leider nicht - und wer bei uns fehlt, versäumt halt etwas. Es gibt zwar im Nachgang der Sitzung meist eine kurze Mail, aber die enthält selten alle wichtigen Details.

  • Abseits ist doch keine Raketenwissenschaft!


    Absichtliches Spielen, auch bei misslungenem Kontakt -> Abseits aufgehoben.

    Torabwehr oder angeschossen werden -> Abseitsbewertung läuft weiter.

    Beim Abgrätschen eines Passes oder bei Klärungsversuchen geht der Spieler zum Ball -> Absicht.

    Ball springt vom Pfosten an den Rücken -> Keine Absicht.

    Nach meiner Wahrnehmung gibt es nur selten wirklich unklare Situationen.