Der eigene Vorgesetzte

  • https://www.zeit.de/sport/2019…hiedsrichter-karriere-dfb

    Habe ich gerade gefunden. Finde es völlig schockierend, dass sowas überhaupt Chance hat, durchzukommen. Was ist eure Meinung dazu? Könnt ihr die Geschichte nachvollziehen?:thumbdown::thumbup:

    "Ich habe einmal die Alkoholiker aus der Mannschaft gegen die Antialkoholiker im Training spielen lassen. Die Alkoholiker gewannen 7:1, da habe ich gesagt: 'Mir ist es egal, sauftas weiter!' "

    - Max Merkel:trink:

  • Lass es mich mal so ausdrücken:
    Wo jemand Macht hat, kann es zu Machtmissbrauch kommen.
    Aber es gilt auch: Höre erst beide Seiten an.


    Der Autor schreibt selbst von formalen Fehlern, über die man sonst hinweg gesehen hätte. Darunter kann ich mir wenig bis alles vorstellen, das wäre erläuterungsbedürftig. Und interessanterweise beschreibt er auch nicht, welche Vorwürfe man ihm denn nun gemacht hat. Ich kann das also glauben oder es sein lassen.


    Im Umkehrschluss habe ich aber auch keine Zweifel daran, dass mancherorts nach diffusen Kriterien Karrieren gefördert oder behindert werden, es sei an Kempter - Amerell erinnert, wo bis dato noch immer nicht klar ist, was da wirklich vorgefallen ist. Und auch der Proporz der Landesverbände soll ab und an eine Rolle spielen, es darf eben nicht sein, dass zu viele BL-Schiris aus einem Verband kommen, so dass auch hier die Leistung wohl manchmal nicht das wichtigste Kriterium ist.


    Aber:
    Wer keine Karriereambitionen hat sondern brav in der Betonliga seine Spiele pfeift, wird eher selten Probleme bekommen. Muss man immer nach höheren Weihen streben?

  • Naja, er beschreibt ja schon, was ihm angeblich vorgeworfen wurde.

    Zitat "Ich hätte Noten manipuliert, Beobachter beeinflusst"


    Aber irgendwie kann man das wirklich nicht ganz glauben

    "Ich habe einmal die Alkoholiker aus der Mannschaft gegen die Antialkoholiker im Training spielen lassen. Die Alkoholiker gewannen 7:1, da habe ich gesagt: 'Mir ist es egal, sauftas weiter!' "

    - Max Merkel:trink:

  • Naja, Manfred, ganz so neutral und nüchtern betrachte ich das nicht. Wir beide sind in verschiedenen Verbänden tätig und schon sehr lange dabei. Und wir beide haben bestimmt auch schon Dinge erlebt, wo wir uns gewundert haben, wieso die ein oder andere Entscheidung von oben so und nicht anders ausgefallen ist. Und wieso große Talente nicht von der Stelle kamen oder plötzlich verschwunden waren. Wenn ich näher drüber nachdenke, fallen mir gleich zwei Vorkommnisse aus unserem Verband ein, die ich hier aber nicht schildern werde.

    Das, was in dem Bericht geschrieben wurde, überrascht mich jedenfalls nicht.

    Früher, also so in den 80er Jahren,haben damals ältere Kollegen immer von der "schwarzen Mafia" geredet. Ich glaube, da war und ist immer noch ein Fünkchen Wahrheit dran.

  • Der Autor schreibt ja selbst, dass sich der Großteil der Leute in seinem Umfeld fair und korrekt verhalten hat. Das würde ich auch so unterschreiben. Ich würde aber auch bestätigen, dass die wenigen Querschläger/Kungelrunden im bestehenden System ein ernsthaftes Problem darstellen, wenn es auf ein Niveau geht, wo alle Aufstiegs-Kandidaten mindestens ordentliche bis gute Leistungen bringen. Da kannst du dann 20 oder 25 absolut faire Beobachter in einer Ligastufe haben, die SR, die das Pech haben, den einen Meckerkopp, der jede Gelegenheit nutzt um Zehntelpunkte abzuziehen, auf der Tribüne sitzen zu haben, haben ein Problem. Diese 0,3 oder 0,4 minus wollen erstmal aufgeholt werden.


    Dazu kommen die grundsätzlichen Schwächen im System, wie der fehlende Bonus für schwere Spiele bei SRn, die es überall und grundsätzlich durch extrem gute Menschenkenntnis und/oder Vorbereitung schaffen, die üblichen Stänkerer, Motzkis und Holzhacker auf dem Feld von der ersten Minute an in ihre Schranken zu weisen. Da hat dann ein SR ein Spiel mit gleich mehreren chronischen Rotkandidaten über die Bühne gebracht, ohne auch nur einmal Gelb ziehen zu müssen, und bekommt vom Beobachter gesagt "Fehlerfreie Leistung, aber für ein normales Spiel kann ich nur 8,4 geben..." Eine Woche später kommt dann ein Kollege, der eine großzügige Linie in den Zweikämpfen fährt, das Spiel eskaliert total, es hagelt an den richtigen Stellen ein paar Feldverweise, und der SR staubt die Bonuspunkte für ein schwer zu leitendes Spiel ab.


    Und dann brauchst du bei Sachen wie Handspiel auch noch Glück, dass der Beobachter dieselbe Auslegung der Regeln vertritt wie du. Wenn man in den gerade aktiven Stuttgart-Thread guckt, wäre (je nachdem wer gerade beobachtet) von "hervorragend gelöst" über "kann ich mitgehen" bis "total falsch, gibt Punktabzug" wohl jedes Urteil möglich.


    Wenn man dann nach ganz oben guckt, dürften die Leistungen der SR so ähnlich werden, dass es wirklich nur noch nach Nase/Verband/Lobby im Hintergrund geht. Und wo es, wenn da einer sitzt, der sein eigenes Süppchen kocht und seine Position ausnutzt, wahnsinnig schwer wird, dem das nachzuweisen. Denn wenn es nur noch um Nuancen geht, wer will mit Sicherheit sagen, dass SR X aufgestiegen ist, weil er diesem oder jenem einen ausgegeben hat, und nicht, weil er wirklich der beste war?

  • Das ist doch ein grundsätzliches, gesellschaftliches Problem. Fängt wahrscheinlich meistens im Kindergarten an, geht in Schule und Ausbildung weiter, und setzt sich auch im Berufsleben fort.


    Andersherum fühlt sich immer einer (oder ein anderer) "ungerecht behandelt".


    Meine Meinung.


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    "Jetzt wechselt Jamaika den Torhüter aus!"
    (Gerd Rubenbauer, als der FIFA-Beauftragte am Spielfeldrand eine Minute Nachspielzeit anzeigte)

  • Naja, Manfred, ganz so neutral und nüchtern betrachte ich das nicht. Wir beide sind in verschiedenen Verbänden tätig und schon sehr lange dabei. Und wir beide haben bestimmt auch schon Dinge erlebt, wo wir uns gewundert haben, wieso die ein oder andere Entscheidung von oben so und nicht anders ausgefallen ist. Und wieso große Talente nicht von der Stelle kamen oder plötzlich verschwunden waren. Wenn ich näher drüber nachdenke, fallen mir gleich zwei Vorkommnisse aus unserem Verband ein, die ich hier aber nicht schildern werde.

    Das, was in dem Bericht geschrieben wurde, überrascht mich jedenfalls nicht.

    Früher, also so in den 80er Jahren,haben damals ältere Kollegen immer von der "schwarzen Mafia" geredet. Ich glaube, da war und ist immer noch ein Fünkchen Wahrheit dran.

    Mir hat heute ein Kollege bei einem Termin etwas ähnliches erzählt. Wer nicht mitmacht, war unten durch und kam wenn er Glück hatte nicht von der Stelle. Wenn er Pech hatte, wurde er so lang gemobbt, bis er freiwillig auf Landesebene aufgehört hat. Mehr sag ich öffentlich dazu nicht.

  • Ich hatte noch überlegt, ob ich noch was zur Kehrseite der Medaille schreibe, weil natürlich auch jeder SR mindestens einen Kollegen kennt, wo Selbst- und Fremdwahrnehmung freundlich ausgedrückt eine Differenz > Epsilon haben. ;)


    Wo man im Boden versinken will, wenn man einen SR sieht, der um 10 Uhr in voller Montur vor den Kabinen sitzt und Bier trinkt. Der laut verkündet, bei der D-Jugend gebe es nur indirekte Freistöße, einen Tritt mit offener Sohle auf den Knöchel laufen lässt, weil der Ball berührt wurde, und in der C-Jugend die Wiedereinwechslung verweigert. Der auf Turnieren mehr Zeit am Grill- und Kuchenstand verbringt als auf dem Platz. Der sich abfällig über Mannschaften äußert, isch mit Platzverweisen brüstet und vor dem Spiel ankündigt "Heute schmeiße ich wieder einen raus", so dass die Mannschaften es hören. Solche Leute fallen immer aus allen Wolken, wenn sie eine abgrundtiefe Bewertung bekommen, nicht mehr eingeladen werden, und wenn ein anderer das Finale pfeift, dann nur wegen Mafia und Beschiss...


    Aber die unbestreitbare Existenz solcher Figuren ändert nichts am oben beschriebenen Problem, dass Beobachtungen und Bewertungen subjektiv sind und auch (in glücklicherweise seltenen Fällen) missbraucht werden. Und ja, natürlich gibt es diese Probleme auch woanders. Das wusste schon Volker Pispers: "Wenn ein Blonder im Aufsatz eine Zwei hat, müssen alle anderen Blonden auch eine Zwei bekommen." Deswegen sollen und müssen wir trotzdem in unserem Bereich gegen solche Auswüchse vorgehen, wenn wir davon Kenntnis erhalten...

  • Wie Ente schon geschrieben hat, ist dieses Problem bei den Beobachtern noch mal schlimmer. Hier sind mehrere miese Geschichten bekannt, von wegen ausgewählte Kollegen werden zum Abstieg oder Aufstieg beobachtet etc. Das habe ich sogar selbst als SRA in der Verbandsliga miterlebt. Ich war an der Linie bei einem gestandenen Kollegen mit 36 Jahren. Er wurde beobachtet. Es war eigentlich klar, dass er nach der Saison absteigen würde. Er wußte es, wir wußten es, unsere KSV wusste es. Trotzalledem war die Beobachtung und die Note echt unfair und hat nicht gepasst. Uns 3 war klar, was es damit auf sich hat.

    Auch ein Problem ist die unterschiedliche Art und Weise der einzelnen Beobachter: Ein Beobachter in unserem Verband ist für seine extreme genaue, schon erbsenzählerische Art berüchtigt, während es andere Beobachter gibt, wo du niemals mehr als 3:gelbe_karte: geben darst, überspitzt ausgedrückt. Wie soll man da noch eine einheitliche Linie hinbekommen?

  • Früher, also so in den 80er Jahren,haben damals ältere Kollegen immer von der "schwarzen Mafia" geredet.

    Die gab es und gibts wohl immer noch in allen Schichten unserer Gesellschaft. "It is not what but who you know." Als ich in dieses wunderschöne Land auswanderte und mich der SR-Vereingung anschloss, wurden Schiedsrichter einer bestimmten Nationalität immer bevorzugt. Ein Schiedsrichter wurde sogar, nach nur drei Jahren, zur FIFA-Liste befördert (ich muss gestehen dass er sehr gut war). Jedoch zu meiner grössten Überraschung nahm ein deutschstämmiger Schiedsrichter, von Bremen ausgewandert, an der 1972-WM und 1974 Olympischen Spielen teil. Allerdngs gehörte er zum Exekutivkomitee der Vereinigung.

  • Ich wiederhole noch einmal:

    Wo jemand Macht hat, kann es zu Machtmissbrauch kommen.
    Aber es gilt auch: Höre erst beide Seiten an.

    Selbstverständlich kann und will ich nicht ausschließen, dass es vorsätzlich falsche Beobachtungsnoten gibt (den Umstand, dass auch Beobachter versehentlich falsch bewerten, darf man aber auch nicht außer Acht lassen). Dennoch glaube ich nicht, dass dies der Regelfall ist, so hart es für den Einzelnen auch sein mag, Opfer einer fehlerhaften Bewertung zu sein, wobei es dabei gleichgültig ist, ob mit Absicht oder nicht.


    Auslöser war aber der Artikel - und nach dessen Studium war ich nicht überzeugt, dass der Interviewte soooo unschuldig war, wie er das gerne darstellen wollte, da hätte man wirklich beide Seiten anhören müssen.

  • und nach dessen Studium war ich nicht überzeugt, dass der Interviewte soooo unschuldig war, wie er das gerne darstellen wollte, da hätte man wirklich beide Seiten anhören müssen.

    Im Zweifelsfall für den Angeklagten.

    Beurteilungen können ziemlich unterschiedlich ausfallen. Zwei unser höchsten Beobachter sahen die Schiedsrichter Leistung um .3 Punkte anders. Beobachter-1 (ehemaliger FIFA-SR) war sehr zufrieden, während Beobachter-2 (ehemaliger FIFA-SRA) darauf hinwies, der Schiedsrichter hätte ein Dutzend mehr Fouls pfeifen müssen. Die Anzahl der Fouls wäre in die hohen 30ger gekommen.

  • Das Problem: Der (angeblich) geschasste Schiedsrichter tritt hier gewissermaßen als Ankläger auf, der Angeklagte wäre "das System" - nur für ein "im Zweifel für den Angeklagten" ist die Anhörung beider Seiten ebenso sinnvoll wie zwingend. Ohne eine Anhörung beider Seiten bleibt nur eine Kenntnisnahme und genau die Konsequenz, die smirk_mirkin beschreibt.