Wenn die Brechstange zum Einsatz kommt ...

  • ... geht es eben selten gut.


    Gestern hatte ich mal wieder einen Einsatz in der untersten Herren-Spielklasse. Herrliches Wetter, schöner Platz, Herz, was begehrst Du mehr. Der Trainer von Heim ist SR-Kollege, die Gäste waren auch nett, also alles in Butter. Spielerisch war das Spiel weit besser als manches, was es in höheren Ligen zu pfeifen gibt, also auch eine durchaus interessante Aufgabe.


    Von Beginn an wurde recht temporeich gespielt. Bereits nach wenigen Minuten dann die erste kritische Situation: Ball auf der Strafraumlinie und ein Abwehrspieler geht von oben mit der Sohle rein, allerdings klar in Richtung Ball und letztlich streift er seinen Gegner nur, damit war aber aus dem gefährlichen ein verbotenes Spiel geworden und der Strafstoß fällig. Erst wollte man mir weismachen, dass das doch "außerhalb" gewesen sei (warum weiß in diesen Fällen bloß niemand, dass die Linien zu dem Raum gehören, den sie umgrenzen), dann sollte es nur "indirekt" gewesen sein. Zum ersten Mal tobte der Trainer von Heim draußen, an meiner Entscheidung änderte das nichts - und was passiert: Der Elfer wird versemmelt. Danach lief das Spiel weiter, auf beiden Seiten mit hohem - auch läuferischen - Einsatz und mit der ein oder anderen Chance, aber nichts wirklich zwingendes. Natürlich gab es immer wieder mal ein paar Nickligkeiten, aber letzten Endes nichts von wirklicher Bedeutung.


    Nach dem Seitenwechsel ging das Spiel so weiter, nur wurde es von Minute zu Minute härter und entsprechend gab es jetzt sowohl mehr Freistöße als auch einige Verwarnungen. Etwa 10 Minuten vor Schluss geht Heim 1:0 in Führung - und hat plötzlich bei allen Spielfortsetzungen viel Zeit, für eine Verwarnung reicht es aber nicht. Dann die 90. Minute: Gast gleicht aus und ich rechne die verlorene und die vergeudete Zeit zusammen und komme auf 4 Minuten Nachspielzeit, die ich auch anzeige - das hätte ich mal besser gelassen.


    Nach dem Ausgleich packen beide Seiten die Brechstange aus und wollen mit aller Gewalt gewinnen. Das Spiel wogt hin und her, dann ist in der 92. Minute Heim im Angriff und ein Spieler von Gast holt einen Angreifer von Heim etwas ruppig von den Füßen. Klarer Fall für eine Verwarnung - nicht weniger, aber auch nicht mehr. Während ich den gefallenen Spieler beobachte und den foulenden Spieler im Auge behalte fliegt auf einmal der Ball mit höherer Geschwindigkeit, keine Ahnung, wer den geschossen hat, auf jeden Fall bildet sich ein Rudel, in dem auch gespuckt worden sein soll, ich jedenfalls sehe nur einen heftigeren Schubser. Also das Rudel mühsam aufgelöst, die Spieler, die von mir noch etwas zu erwarten haben, separiert und zunächst dem auslösenden Foulspieler die :gelbe_karte: gezeigt und diese notiert. Wieder noch Reste des Rudels und ich habe meine Hand schon an der Gesäßtasche (für den Schubsenden), da rennt der Trainer von Heim auf den Platz, obwohl ich den gar nicht gerufen hatte und auch ein Eingriff gar nicht erforderlich war. Statt seiner Ordnerfunktion gerecht zu werden hängt er gleich in der "Diskussion" drin und es bildet sich erneut ein Rudel. Kurz darauf kommt auch der zweite Platzordner und mischt in der Diskussion mit, das Rudel geht dabei immer weiter von mir weg, die beiden Spieler mit den ausstehenden "Geschenken" sind auch wieder dabei. Ich sehe mir die Sache eine Minute lang an, es deutet sich aber keine Entspannung an - und da der Ordnungsdienst involviert war, sehe ich die Platzordnung als nicht mehr gegeben ein und habe daher auch keinen Anlass, noch länger zu warten, zumal bei der Aussprache der noch ausstehenden Strafen die Sache mit Sicherheit von vorne losgegangen wäre und der Prügelknabe dann sicher ich gewesen wäre; auf den Ordnungsdienst hätte ich mich aber nicht mehr verlassen wollen. Ergo folgte der erste "echte" (also kein Schlechtwetter oder Rückstand in Unterzahl unter 7) Abbruch.

  • Da wird sich das Sportgericht aber freuen! In der Nachspielzeit einen Spielabbruch, das ist aber mutig. Aber absolut gerechtfertigt. Ich gratuliere zu dieser Entscheidung. Was die Sportrichter draus machen kann uns egal sein, auch wenn es ganz sicher allgemein interessiert.

  • Ich muss auch sagen, dass es eine mutige, aber regelkonforme Entscheidung gewesen ist.


    Ich hätte den Mut wahrscheinlich nicht gehabt und hätte wahrscheinlich abgepfiffen. Zwei Minuten Nachspielzeit hätten dann von mir sicherlich auch durch das Zeitspiel der in Führung liegenden Mannschaft und dem Ausgleich in der 90.Minute gerechtfertigt werden können.
    Ich muss aber sagen, dass dieses Beispiel zeigt, dass ruhig geglaubte Spiele von jetzt auf gleich explodieren können, ohne dass es vorher irgendein Anzeichen gegeben hat.


    Dennoch: klasse Entscheidung!

  • Auch wenn ich jetzt geschlagen werde, aber für mich ist der Abbruch nicht gerechtfertigt. Eine Minute Zuschauen heißt für mich nicht alle Mittel aus zu schöpfen um das Spiel zu beenden.

  • Wenn der Ordnungsdienst statt Ruhe - wofür er eigentlich verantwortlich ist - noch mehr Hektik in das ganze Geschehen reinbringt, ist diese Entscheidung aus meiner Sicht vollkommen nachvollziehbar. Ich denke, dass ich da ähnlich gehandelt hätte. Respekt für diesen Mut, Manfred.
    Hättest du das Spiel normal beendet, wäre es in den nächsten Wochen genauso weitergegangen. Jetzt kriegen die Verantworlichen (hoffentlich) ihre gerechte Strafe!

  • Das Risiko wäre ich unter diesen Umständen auch nicht eingegangen. Es ist nicht immer abschätzbar, wie schräg die 22 Herrschaften in dem Moment ticken. Und man muß es auch nicht um jeden Preis herausfinden wollen.
    Ehrlich gesagt, ich hätte auch auf so eine lange Nachspielzeit "verzichtet (gekniffen?)", besonders bei einem eindeutigen Spielstand. Hier war das aber nicht der Fall und irgendwie ist ein früherer Abpfiff, um sich Scherereien zu sparen, "Feigheit vor dem Feind". Man sendet damit, besonders bei der derzeitigen Situation auf unseren Sportplätzen, das falsche Signal aus und erschwert den nachfolgenden Kollegen das Leben.
    Daher, großer Respekt für Deine Entscheidung!

  • Haben die Spieler/Verantwortlichen denn mitbekommen, dass du abgebrochen und nicht beendet hast? Ich könnte mir vorstellen, dass sie sonst noch probiert hätten dich zu überzeugen oder kam das vor und du hast es bloß hier weggelassen?

  • Die Spieler und die Verantwortlichen haben das durchaus mitbekommen, sie schauten einen Moment sehr irritiert als mein Pfiff kam, setzten ihre "Diskussionen" aber dennoch unverändert fort, wenn sie sich auch langsam in Richtung Kabine bewegten. Zu den weiteren Dingen möchte ich hier schweigen, weil das sicher einer sportrechtlichen Aufarbeitung bedarf und ich auch annehme, dass das innerhalb der SR-Vereinigung noch zu klaren Worten kommen wird.


    MrNice:
    Klar prügel ich Dich jetzt! ;) Aber im Ernst: Wenn die Leute, die mich im Ernstfall schützen sollten, derart heftig involviert und damit als Sicherheitspersonal nicht mehr vertrauenswürdig sind, ist für mich die Platzordnung nicht mehr gegeben - und auch niemand erkennbar, der selbige wieder herstellen und für einen weiteren Spielablauf garantieren könnte. Mal angenommen, es wäre mir gelungen, die Rudelbildung erneut aufzulösen oder die Jungs hätten gemerkt, dass das Spiel noch nicht zu Ende ist, was hätte ich tun müssen? Richtig, die erste Maßnahme wäre der Innenraumverweis für Betreuer und Ordner gewesen, wobei ich in Anbetracht der Taten sogar ernsthaft in Erwägung hätte ziehen müssen, beide von der Anlage weisen zu lassen. Wer hätte das durchsetzen sollen? Wer wäre mein Ansprechpartner in Sicherheitsfragen beim Verein gewesen? Erschwerend kommt hinzu, dass ich fest damit rechnen musste, dass die Situation nach der Aussprache der fälligen persönlichen Strafen erneut eskaliert wäre - und wer hätte sich dann um meinen Schutz gekümmert?


    Ich bin wahrlich niemand, der ein Spiel leichtfertig abbricht, Gelegenheit dazu hätte ich sonst durchaus schon gehabt. Auch hätte ich mich in dieser Situation durch einen Schlusspfiff aus der Affäre ziehen können, was aber m.E. ein Regelverstoß gewesen wäre, denn wenn ich 4 Minuten angezeigt habe, kann ich nicht nach knapp 2 Minuten aufhören - pragmatisch, aber nicht zulässig.


    Natürlich ist mir bewusst, dass mir das Sportgericht erklären kann, dass ich nicht alle Mittel ausgeschöpft habe. Wobei ich hoffe, dass die Herrschaften mir dann auch erklären, welche Mittel das aus ihrer Sicht denn gewesen wären, die noch hätten ausgeschöpft werden sollen. Alle Mann in die Kabine zur "Abkühlung"? Auch das löst das Problem des Ordnungsdienstes und der ausstehenden persönlichen Strafen nicht. Im ungünstigsten Fall bekomme ich einen Rüffel und das Spiel wird neu angesetzt - das ist mir meine Gesundheit, die sonst mit ziemlicher Sicherheit Schaden genommen hätte, aber wert.

  • Ich muss Manfred Recht geben. Wenn ein Ordner anfängt zu prügeln, dann ist einfach niemand mehr da, der für Sicherheit sorgt. Deshalb brech ich das Spiel ab. Abwarten hilft nichts.

  • Zitat von Manfred;174804

    Wer wäre mein Ansprechpartner in Sicherheitsfragen beim Verein gewesen?


    Der Spielführer. Den hinzuzuziehen, würde mir am Schreibtisch sitzend noch als Mittel einfallen. Auf dem Platz sah das aber wahrscheinlich anders aus, womöglich war der sogar unter denjenigen, denen noch eine persönliche Strafe ausstand?

  • Sagen wir es so: Der war nicht nur mittendrin sondern auch voll dabei - den hätte ich erst einmal aus dem Rudel herausholen müssen. Wie bereits erwähnt: Das Restrisiko, dass mir jemand am grünen Tisch genau solche Dinge sagt, trage ich, dass ist mir meine Gesundheit wert. Wer wirklich glaubt, dass in einer solch angespannten Lage noch eine ordentliche Spielfortsetzung möglich ist, lebt auf einem anderen Planeten oder stand lange nicht mehr (oder noch nie) mit der Pfeife in der Hand bei einer Begegnung dieser Spielklasse auf dem Platz. Nebenbei betrachte ich auch den präventiven Charakter des Abbruchs: Hätte ich die weitermachen lassen, wäre es womöglich nicht bei den verbalen Attacken geblieben - immerhin gab es kaum nennenswerte körperliche Kontakte.

  • Heute kam die Ladung zur Sportgerichtsverhandlung - mit einer langen Latte Zeugen! Mal sehen, was das Ergebnis sein wird.

  • Und wie lautet das Ergebnis?

    :gelbe_karte:MY WAY FAIR PLAY:rote_karte: | "Nicht ganz sauber, nicht ganz fein - aber es muss ja nicht gleich ein Strafstoß sein!" (Lutz-Michael Fröhlich)

  • Wenn am 07. die Ladung kommt, kann die Verhandlung am 10. noch nicht gewesen sein.
    Es gibt nämlich eine Ladungsfrist und die beträgt in Hessen mindestens 4 Tage. :p

    Gott sei Dank habt ihr Schiedsrichter, sonst müsstet ihr eure Fehler ja bei euch suchen !

  • Und es kam, wie es kommen musste ...


    Man kam zu der Auffassung, ich hätte mit den Spielführern reden müssen und damit nicht alle Maßnahmen ausgeschöpft, den Abbruch zu vermeiden. Leider ist mir noch nicht klar, wie ich die überhaupt aus dem Pulk hätte separieren sollen. Ein fader Beigeschmack verbleibt ohnehin, da die eindeutigen Verfehlungen des Ordnungsdienstes nicht geahndet wurden. Fast amüsiert habe ich mich aber über die Aussage eines Spielers, der einräumte, auf 180 gewesen zu sein, aber angab, im Fall einer Roten Karte hätte er ruhig und gesittet den Platz verlassen; dazu mag sich bitte jeder seinen Teil denken.


    Nur zur Klarstellung: Rein formal ist das Urteil sicher in Ordnung, einen weiteren Kommentar möchte ich mir gerne verkneifen.

  • Bei uns im Kreis gab es kürzlich die Konstellation, dass es in einem Spitzenspiel der 3.KK (Tabellenführer gegen Tabellenzweiter, beide Mannschaften spielten in der Vorsaison noch 2.KK) zu einem Spielabbruch kam. Ein des Feldes verwiesener Spieler hielt sich unberechtigt in der Coachingzone seiner Mannschaft auf und warf nach einer Abseitsentscheidung gegen seine Mannschaft eine volle Wasserflasche auf das Spielfeld. Daraufhin sah der SR offensichtlich die Platzordnung und seine Sicherheit nicht mehr gewährleistet und brach ab.
    Das Kreissportgericht wertete das Spiel gegen die Mannschaft des fehlbaren Spielers. In der Berufungsverhandlung entschied das Landessportgericht, der Abbruch sei nicht angemessen gewesen und ordnete eine Wiederholung des Spiels an.
    Der SR erklärte ca. 2 Wochen nach dem Spiel seinen Rücktritt als SR.

    "Der Klügere gibt nach! Eine traurige Wahrheit, sie begründet die Weltherrschaft der Dummheit."
    (Marie von Ebner-Eschenbach, österreichische Schriftstellerin, *1830 +1916)


    "Mancher ist für die Wahrheit, solang die Wahrheit für ihn ist."
    (Charles Tschopp, schweizer Schriftsteller, *1899 +1982)

  • In diesem Falle falsch entschieden, im Falle des Flaschenwerfers aber richtig. Da sehe ich noch Möglichkeiten mittels Ordnungsdienst und Androhung eines Spielabbruches die Ordnung wiederherzustellen.


    Schade dass der SR seinen Rücktritt verkündete, aber für mich würde eine Mannschaft sonst unberechtigt ein Spiel verlieren und dass darf genausowenig sein.